Abdellah Taïa, Stern am Himmel der marokkanischen Literatur

Der marokkanische Schriftsteller Abdellah Taïa, der als bekennender Homosexueller in Frankreich im Exil lebt, hat den Prix de Flore 2010 erhalten, der in Paris verliehen wird. Die Jury des Preises, die im historischen Café 172 Boulevard Saint-Germain tagt, hat beschlossen, dieses Jahr dem Mut des marokkanischen Autors ihre Anerkennung nicht zu versagen. Im seinem zuletzt erschienen Buch ”Le jour du roi” (der Tag des Königs") hat er es gewagt, offen die Herrschaft Königs Hassan II zu kritisieren, dessen Regime als eines der grausamsten in der Geschichte Marokkos gilt.
Der militante Abdellah war schon vor seiner Karriere als talentierter junger Schriftsteller immer an vorderster Front, wenn es darum ging, die Politik seines Landes zu kritisieren. Mit der Verleihung des Flore-Preises zur jährlichen Ehrung junger Autoren am 4. November wird ihm nun ein riesiges Medienecho sicher sein. Nach einer ersten Auswahl für den Renaudot-Preis hat der 37jährige mittlerweile einen beachtlichen Erfolg in Frankreich und seinem Heimatland feiern können, wo seine Werke nach anfänglicher Zensur nun von König Mohammed VI zugelassen und anerkannt werden.
In seinem vierten Roman ”Le jour du roi” erzählt Abdellah vor dem Hintergrund einer Geschichte von Freundschaft und Gewalt die Parabel eines sozial zerklüfteten Marokkos in den angsterfüllten, bleiernen Jahren der Herrschaft Hassans II. Wir befinden uns im Jahr 1987. An einer Straße, die von Rabat nach Salé führt, warten zwei junge Männer auf die Ankunft von König Hassan II. Einer von ihnen ist reich, der andere arm. Der erste wurde ausgewählt, dem König die Hände zu küssen. Der andere neidet ihm diese Ehre, und aus der Eifersucht wird schließlich ein wahrer Krieg.
Abdellah Taïa legt mit seinem Roman ein wertvolles Dokument über sein Heimatland vor. Geboren in Hay Salam im Jahr 1973, verließ er das Mietskasernenviertel auf halbem Weg zwischen Rabat und Salé, in dem er aufgewachsen ist, und übersiedelte 1999 nach Frankreich. In seinen Vorgängerromanen behandelte er ein Thema, das ihm selbst nahe ging, die Homosexualität aus der Perspektive eines jungen Marokkaners. Er schrieb über ein Leben aus Furcht und Ängsten, das Verlassen seines Geburtshauses, die Verstoßung durch seine Familie und die Erniedrigung, die er durch sein Heimatland erfuhr.
Abdellah Taïas bemerkenswertes Talent findet nur noch in seinem Mut ein Äquivalent, hat er doch als einer der Ersten öffentlich und freimütig seine Homosexualität in einem Interview mit der Zeitschrift Tel Quel bekanntgegeben. Eine starke Geste mit eindeutig politischen Implikationen, eine Einladung an die Jugend, sich zu behaupten und die bestehenden Tabus der marokkanischen Gesellschaft über Bord zu werfen. Darum wollte er denjenigen seine Botschaft zubrüllen, die ihn in Marokko beleidigt und an den medialen und sozialen Pranger gestellt hatten . Seine Freiheit hat heutzutage die Grenzen passiert, und sein Schrei hat vorher unvorstellbare Distanzen überwunden.
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