Zum Lesen und Wiederlesen: Wer die Nachtigall stört

Veröffentlicht auf von Jan



Woran denkt Ihr, wenn Ihr den Titel "To kill a mockingbird" lest?

Bis vor einigen Tagen hat mir der Titel – der übersetzt "Um eine Spottdrossel zu töten" lautet - rein gar nichts gesagt. Dann bin ich auf einen faszinierenden Artikel von Stefano Pistolini gestossen (veröffentlicht in La Repubblica, 11. September). Und so habe ich erfahren, dass es sich um den Originaltitel des Buches von Harper Lee, "Wer die Nachtigall stört", handelt.

Der Roman gehört zu diesen Büchern, die einen mitten ins Herz treffen und aus uns etwas bessere Menschen machen.

Ich erinnere mich, dass ich es regelrecht verschlungen habe, als ich während einem ewig langen Sommer zuhause festsass. Ich las im Garten, doch meine Gedanken schwebten zu dieser kleinen Stadt mitten in Alabama, in einer ländlichen, schroffen und segregationistischen Gegend.

Bis dahin hatten alle meine Bücherhelden mit Waffen hantiert, hatten Revolutionen angeführt oder Hinrichtungs-Pelotons entgegengestanden. Doch hier war mein Verbündeter Atticus Finch, ein Rechtsanwalt und vor allem ein guter Mensch, ein ehrlicher Fachmann, der in den USA zu Zeiten des Ku Klux Klans bereit war, den zu unrecht beschuldigten "schwarzen Mann" zu verteidigen. Er verteidigte diesen gegen eine ganze Gemeinschaft, die ihn lynchen wollte.

Dieser Rechtsanwalt wurde später von Gregory Peck gespielt, also dem Archetyp des guten, idealistischen und vertrauenswürdigen US-Amerikaners: Der Vietnamkrieg hatte noch nicht begonnen.

Was Harper Lee angeht, so wusste ich nicht einmal, dass es der Name einer Frau war.



Und dank Pistolini kenne ich nun ihre Geschichte. Sie stammte aus genau dieser Kleinstadt, ganz wie ein anderer Schriftsteller, der später in die Geschichte der Weltliteratur einging, Truman Capote. Dieser war ihr Nachbar und ihr Kindheitsfreund. Und Lees Vater war wie Atticus Rechtsanwalt in einem Land, das sich fest an seine Vorurteile klammerte.

Eines Tages flüchtet sie nach New York, doch auch dort hat sie den Eindruck, dass sie nicht "dazugehört". Sie arbeitet an einem Flugticket-Schalter und verbringt ihre Freizeit damit, auf ihrer Schreibmaschine herumzutippen. Doch trotz ihrem Eifer schafft sie es nicht, das auszudrücken, was sie auf dem Herzen hat. Sie weiss, dass der Stoff für ein Meisterwerk vorhanden ist, doch andere Dinge nehmen ihre Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch. Der Text bleibt in Entwurfsform, der Papierkorb füllt sich mit zerknüllten Seiten. Eine erste Version des Romans schmeisst Lee aus dem Fenster, und das in einem Zeitalter, in dem es keinen Computer gab, um das Werk neu zu drucken. Ihre Freunde kratzen das Geld zusammen, um ihr ein Jahresgehalt zu schenken, eine Art Sabbatical, damit sie weiter schreiben kann.

Das Buch wird schliesslich 1960 herausgegeben, Lee verspricht sich nicht viel davon. Doch es handelt sich um ein bedeutendes, schönes Werk, das im richtigen Moment veröffentlicht wird. Amerika will zu der Zeit vieles hinter sich bringen und zu einer offeneren Gesellschaft werden.

In Italien (und Europa) ist dieser Roman heutzutage in Vergessenheit geraten. doch in den Vereinigten Staaten ist er – nach 30 Millionen verkauften Exemplaren – immer noch Pflichtlektüre ("unentbehrliche Lektüre" gefiele mir besser) in der Schule. Es ist ein Buch, das einem beibringt, die Dinge vom Standpunkt des "Anderen" aus zu sehen.

Es war das erste und letzte Buch von Harper Lee. Ich denke zurzeit öfters an all die Scrhiftsteller, die nur einen, bedeutenden, Roman geschrieben haben. Mehr dazu ein anderes Mal.
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Veröffentlicht in Italien

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