Mafia in Italien: Mord an einem grünen Bürgermeister

Veröffentlicht auf von Jan

Dieses Datum [5.Sept.2010] solltet ihr auf dem Kalender vermerken: Zum ersten Mal hat die organisierte Kriminalität in Italien einen grünen Politiker ermordet, weil sein Einsatz für Umwelt, Nachhaltigkeit, Aufwertung und alternative Energien ihre Interessensphäre durchkreuzte.  Ich hoffe, dass dies auch der letzte Fall dieser Art ist, aber etwas sagt mir, dass dies vermutlich Wunschdenken ist. Bisher war es immer so gewesen, dass örtliche Verwalter oder Politiker im Kugelhagel der "Ehrenmänner" starben, wenn sie sich gegen deren übliche Geschäfte mit Zement und Beton, öffentlichen Ausschreibungen und öffentlichen Bauten gewehrt hatten. Diesmal nicht.

Freunde von mir, die in der Nähe von Acciaroli wohnen, sagten mir, dass die Stadt aussah wie eine Bilderbuchstadt des Trentino, seitdem Vassallo Bürgermeister war.  Und das gilt nicht nur für die öffentlichen Bereiche: Auch Läden und der private Sektor waren zu neuem Leben erwacht. Die Ideen und Vorstellungen des Bürgermeisters verankerten sich tief in der Mentalität der Bewohner des Städtchens, welche ihn unterstützten und gelernt hatten, ihren eigenen Grund und Boden aufzuwerten.  Vassallo war der Meinung, dass man keine Gelder für unnütze Projekte, die Wählerstimmen bringen, verschwenden, sollte. Stattdessen wollte er diese lieber investieren, um Flüsse, Wasserleitungen und das Land zu sanieren. Allein in seiner Stadt wurden 70% der Mülltrennung in Kampanien getätigt.

Da fällt einem sofort der Fall von Camigliano ein, der heldenhaften Gemeinde, die aufgelöst wurde, weil sie partout die Mülltrennung durchsetzen wollte, anstatt die Abfälle der Mülldeponie ungetrennt zu übergeben, wie es das Gesetz dieser Provinz vorsieht. Aber mit Vassallo ging die Sache anders aus, sie endete mit einer Leiche auf dem Asphalt, und man weiß, dass die Mafiaorganisationen nicht töten, wenn sie die Sache anders regeln können.

Es müssen also noch stichhaltigere Gründe für seine Ermordung gesucht werden. Ich erinnere an Saviano, der einmal erzählte, dass jemand, der in seinem Ort gegen die Camorra ankämpft, erst dann in das Visier der Organisation rückt, wenn er auch außerhalb seines Ortes sich Gehör verschaffen kann und so gewissermaßen zu einem Symbol des Kampfes gegen das organisierte Verbrechen wird. Dann hat er sein Todesurteil unterschrieben. Und so erstaunt es nicht, zu hören, dass Acciaroli in wenigen Tagen zum ersten Mal in seiner Geschichte einen wichtigen Kongress über Umweltthemen, Energie und Wachstumsrücknahme beherbergen sollte. Gefördert von der Stadt, organisiert von einem Verein aus Parma, gesponsert von  Slow Food und unterstützt von den MeetUp von Grillo, waren auf diesem Kongress auch Maurizio Pallante vom  Movimento della Decrescita [Bewegung für Wachstumsrücknahme] sowie ursprünglich die italienisch-britische Wirtschaftswissenschaftlerin Loretta Napoleoni als Redner eingeplant. Daneben sollten viele Bürgermeister der Region Cilento, Universitätsprofessoren und Künstler internationalen Ranges auftreten.  Saviano hat uns gelehrt, dass der Sprung auf die nationale Bühne von der Mafia nicht hingenommen werden kann, da die Symbole dann drohen, unberührbar zu werden. Daher hätte die Camorra niemals zugelassen, dass der Cilento zum Susatal der Nachhaltigkeit im Süden Italiens geworden wäre.

Aber es kommt noch dicker. Informanten aus erster Hand haben mir erzählt, dass der Cilento eine regionale Finanzierung in Höhe von 70 Millionen Euro erhalten sollte, um den Naturpark und den autonomen Energiehaushalt der Region zu fördern. Diese Finanzierung war bereits an 46 Gemeinden sowie an die Umweltorganisation Legambiente ausgeschüttet worden, darüber hinaus lief die Auswertung des Projekts, um später einen Fonds ins Leben zu rufen. Die Zeitung Il Giornale del Cilento berichtete dazu im vergangenen Januar:
Dem Projektentwurf, wie ihn der Vorsitzende der Gemeinschaft des Parco del Cilento, Angelo Vassallo, vorstellte, ist es gelungen, zum ersten Mal überhaupt ein gesamtes Gebiet einzubeziehen, dessen Gemeinden nicht länger in den Dimensionen der eigenen Kirchturmpolitik befangen sind. Nun ziehen Techniker, Verwalter, Private und Politiker der Region zusammen an einem Strang und verwirklichen so die Idee des großen Naturparks. Die Region Kampanien hat dem gesamten System 70 Millionen Euro in Aussicht gestellt, zu denen sich noch Beiträge des sozialen und wirtschaftlichen Privatkapitals gesellen. Insgesamt werden 128 Millionen Euro fließen, von denen 5 Millionen für die kleinen und mittleren Unternehmen für nötige Umstellungen und zur Finanzierung der alternativen Energien vorgesehen sind. Außerdem wird der Zugriff auf Mikrokredite über den Fondo Verde in Aussicht gestellt.

Symbole werden umgebracht. Aber besonders gerne werden Symbole zur Strecke gebracht, die dabei sind, Dutzende von Millionen Euro in unerwünschter Weise einzusetzen.


Dieser Artikel wurde auch auf dem Aggregator Blogosfere im Blog "Petrolio, un sguardo dal picco" veröffentlicht.
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