Ich bin ein Minimalist und ich zweifle

Veröffentlicht auf von Jan

[caption id="attachment_11115" align="alignright" width="321" caption="Überschwemmung in Vicenza - Foto des Autors"][/caption]

Von New York bis London hat sich ein neuer Trend ausgebreitet, dessen Credo lautet: Weniger ist mehr, also je weniger Dinge du besitzt, desto besser geht es dir. Je mehr du dich von den Dingen befreist, desto freier bist du selbst. Oder, um es mit einem Filmzitat zu sagen, “Alles was du besitzt, besitzt irgendwann dich” (Fight Club). Wieder einmal zitiere ich diesen Film aus dem Gedächtnis, aber die eifrigen Leser meiner Posts wissen ja bereits um meine Überzeugung, dass Künstler und Dichter ihrer Zeit voraus sind, also Sensibilität und Vision der Außenwelt (verstanden als Wertehierarchie) gewissermaßen präfigurieren.

Hinzufügen muss ich, dass mein Opa - Jahrgang 1904 - ob nun durch die äußeren Umstände (Krieg und Armut) oder als Ausdruck seiner Lebensphilosophie, lieber von der “Theorie des Wenigen” sprach. Wenig und gut ist dem Vielen und dem Einerlei vorzuziehen. Nur die wesentlichen  Dinge zählen.

Diese neue Tendenz des Minimalismus läuft auf dasselbe hinaus, natürlich mit kleinen Unterschieden, denn die Geschichte, wie uns Vico lehrt, ist ein Auf und Ab, das aber jedes Mal von einem höheren Startpunkt aus neu beginnt. Demnach werden Bewegungen also ähnlich, aber nie gleich verlaufen. Diese jungen Leute, die sich selbst Generation Null nennen, reduzieren ihre Kleidung, ihre DVD-Sammlung und Bücher, sie leeren Schränke, Schubladen und Bücherregale, so dass am Ende alles in einem spartanischen Koffer Platz finden kann. Aber ihr ständiger Begleiter ist der Computer, der Palm oder das iPad. Auf die Festplatte haben sie ihr ganzes Leben in digitaler Form übertragen. Eigentlich also verdient diese Mode nicht minimalistisch genannt zu werden, da sind mir der altbewährte Tauschhandel und die Ausleihe viel lieber.

Auch ich bin seit vielen vielen Jahren Minimalist. Mein Frau nimmt mich auf den Arm, wenn sie wieder auf meine spärlich besetzte – aber wesentliche, wie ich hinzufüge – Garderobe zu sprechen kommt. Jetzt, wo ich herausfinde,  dass ich der “Generation Null” angehöre, fühle ich mich weder schlechter noch besser als vorher.

Das Problem ist doch ein anderes. Man kann noch so viele Dinge aus seinem Haus oder seinem Kleiderschrank rausschmeissen, aber ich bemerke, dass tonnenweise Beton für neue Häuser, abertausende von Kilometern Asphalt für neue Autobahnen und Unmengen an Stahl für die Trassen der Hochgeschwindigkeitszüge verbraucht werden. Und das Komische und zugleich Traurige daran ist, dass es gleichzeitig viele unvermietete, leerstehende Häuser auch z.B. in Mailand gibt. Aber man baut lieber neue. Dafür, dass die Hochgeschwindigkeitszüge einem Zeit ersparen, nimmt man in Kauf, dass das Landschaftsbild zerpflügt und die Umwelt geschädigt wird.

Das nah bei uns gelegene Caldogno, das neulich von den Wassern des Bacchiglione überflutet worden ist, hatte in den letzten zwanzig Jahren einen Bevölkerungsaufschwung von 4.000 auf 10.000 Bewohner zu verzeichnen und wird in den nächsten Jahren auf   20.000 anwachsen – weil dann die Amerikaner aus Dal Molin ankommen müssten [ein neuer amerikanischer militärischer Stützpunkt]. Da und dort wird gebaut, die Unternehmer müssen bauen, und häufig baut man wahllos, wann und wo es gerade geht. Die Erde saugt das Wasser auf, der Beton tut es nicht. Ich bin mir bewusst, dass dies ein sehr allgemeiner und vielleicht allzu rascher  Gedankengang ist. Ich will hier jedoch nicht urteilen oder die Schuldigen ausmachen, sondern nachdenklich stimmen. Handeln ist wichtig, aber manchmal sollte vor dem Handeln das Denken und Nachdenken kommen. Wenn nicht, trägt dir die Natur die Überlegungen, die du dir gespart hast, in Form von Katastrophen nach, und dann beginnst du nachzudenken und fragst dich: War das alles wirklich so unvermeidbar?
Zwischen der Überschwemmung des Polesine im Jahr 1951 und der von Vicenza im Jahr 2010 gibt es einige wichtige Unterschiede. 1951 regnete es zwei Wochen lang,  2010 hat es gerade einmal drei Tage lang geregnet. 1951 war vornehmlich eine Naturkatastrophe Ursache der Überschwemmung, im Jahr 2010 wurde diese durch Vernachlässigung und Verbauung der Landschaft herbeigeführt. 1951 wurde der Po nicht von den Amerikanern umgeleitet, im Jahr 2010 wurde der Bacchiglione, der Fluss, der Vicenza überflutet hat, von den Amerikanern für die neue Militärbasis Dal Molin umgeleitet. Schlussendlich beschäftigten sich 1951 die Zeitungen ausgiebig mit der Katastrophe, im Jahr 2010 schreiben sie lieber über Flittchen, aber es kann ja nicht für immer regnen.
QUELLE: Blog von Beppe Grillo
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Veröffentlicht in Italien

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