Religion und Ideologie: die geistigen Grenzen der Demokratie
[caption id="attachment_6726" align="alignleft" width="300" caption="Protestkundgebung gegen die Moschee am Ground Zero in New York - Foto Asterix611 bei Flickr, unter Creative-Commons-Lizenz"]
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In der hitzigen Debatte über Buchverbrennungen und gewaltsame Proteste gegen diese Drohung wurden oftmals unangemessene Überlegungen laut. Außerdem wurden wissentlich oder unwissentlich komplett falsche Aussagen in Umlauf gebracht.
Mittelbare Falschbeurkundung nennen Anwälte das.
Mit diesem Eintrag provoziere ich bestimmt einige Reaktionen und gleichzeitig ist er ein Mittel, um bestimmte Tatsachen aus einer anderen Perspektive zu betrachten, was auf jeden Fall länger als 30 Sekunden dauert.
Seit über einem Jahrzehnt existiert es, das Märchen der "kollidierenden Kulturen", das den Westen und den Islam als Kontrahenten ansieht, wobei die Dimensionen der beiden Realitäten praktisch nicht vergleichbar sind.
Und wir haben mehrmals unterstrichen, dass wir nicht an diese Kollision glauben. Aber versuchen wir doch einmal die Terminologie zu verändern und von einem "Kampf der Ideologien" zu sprechen.
Unter Ideologie verstehe ich eine Gesamtheit von Werten und intellektuellen Ansichten, die sich um den eigentlichen Kampf gruppieren, der fast immer auf Politik und/oder wirtschaftlichen Fragen beruht.
Es besteht kein Zweifel, dass der Kampf z.B. zu Zeiten des kalten Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und Russland hauptsächlich politisch war, aber es war auch ein harter ideologischer Kampf - zwischen Kapitalismus und Sozialismus - und der hatte fast globale Auswirkungen.
Was ich hier übermitteln will ist, dass es nicht selten ist, dass auch Religionen sich in Ideologien verwandeln. Praktisch können also unter diesem Gesichtspunkt Kämpfe zwischen Ideologien, die auch religiöser Natur sein können, ausgeführt werden.
Und welche wäre dann die Ideologie des Westens, die auf "irgend eine andere Ideologie" trifft?
Meines Erachtens sind die den "Westen" auszeichnenden Ideologien der Kapitalismus und die repräsentative Demokratie (mit allem was bezüglich der Menschenrechte sowie des Zivilrechts dazu gehört).
Konzentrieren wir uns einmal auf einen der Aspekte dieser Ideologien: die Meinungsfreiheit.
Für westliche Demokratien ist es praktisch ein Dogma.
Ein Dogma mit Ausnahmen (manchmal verbietet oder verhindert die dominierende Ideologie, dass eine entgegengesetzte Ideologie ausgesprochen wird). Ein Dogma mit Widersprüchen (man braucht nur an den Ausspruch von Goedel zu denken: Ist es theoretisch möglich eine blasphemische Meinung bezüglich des Dogmas selbst auszudrücken?). Aber dennoch ist es auf jeden Fall ein nicht diskutierbarer und unumstößlicher Wert.
Und das reflektiert sich natürlich auch in der religiösen Meinungsfreiheit, die auch "heilig" geworden ist. Dies führt zu einer unglaublichen und unkontrollierbaren Verbreitung von "autokephalen Kirchen" - um den Begriff der christlichen Orthodoxie zu verwenden - die die unterschiedlichsten Positionen einnehmen. Ich habe einmal versucht, z.B. die Sekten christlicher Abstammung in den USA zu zählen, aber das ist schlimmer als Schafe zählen zu wollen. Was wichtig dabei ist, ist dass sie in der Summe einen guten Prozentsatz derjenigen darstellen, die sich als Christen definieren, aber nur selten übersteigt eine einzelne ein Prozent der amerikanischen Bevölkerung.
An dieser Stelle ist eine historisch-religiöse Klammer zu setzen. Die Verbreitung der "persönlichen" Kirchen ist eine Auswirkung der protestantischen Reformation des sechzehnten Jahrhunderts. Oder vielleicht auch nicht. Es ist festzustellen, dass die Idee eines Christentums, das das Urteilen und die Auslegung [der Schriften] einer einzigen Spitzengruppe, also dem hierarchisch aufgebauten und durch Sakramente gestützten Klerus überlässt, ausschließlich bei der römischen katholischen Kirche zu finden ist.
Alle anderen monotheistischen Religionen kennen diese Organisationsform nicht. Nicht einmal das Judentum (zumindest gibt es seit der Zerstörung des Tempels keine "Priester" mehr, sondern nur noch "Lehrmeister") und auch der Islam kennt es nicht (dort gibt es nur die Figur des Imam und Shayk). Aufgrund deren Natur sind diese Religionen auf menschlichem Niveau demokratisch bis in die Wurzeln.
Und kommen wir doch mal auf den Punkt: Parsi fragt sich "Aber wie viele 'Rev. Jones' gibt es in der islamischen Welt und wie viele Anhänger haben sie?".
Die Frage ist schon in Ordnung, beinhaltet aber eine gute Dosis an Rhetorik, die die Perspektive verzieht. Denn in den Vereinigten Staaten gibt es viele "Rev. Jones", die an der Spitze der eigenen persönlichen Kirche stehen und ihre Religiosität Dank der durch das "demokratische Regime" garantierten demokratischen (und steuerlichen) Freiheiten ausdrücken können.
Aber aus anderen Gründen gibt es auch beim Islam Myriaden von Imamen und, in einem bestimmten Sinne, Madhhab (außer den vier offiziellen).
Beim Islam ist nämlich die religiöse Ausdrucksfreiheit sehr weitreichend. Man kann sagen, dass dieselbe Meinungsfreiheit wie in der Demokratie besteht (sprich, es ist ausreichend, dass sie nicht blasphemisch ist). Und auch dort wird die Gültigkeit einer "Richtung" grundsätzlich durch die Anzahl der Anhänger bestimmt, die der entsprechenden Ideologie folgen.
Eine Ideologie in engerem Sinne, nicht einer Religion.
Manchmal handelt es sich um gewalttätige, sektenartige, exklusivistische, millenaristische Ideologien, die manchmal extrem spirituell, volksbezogen, pazifistisch oder reformatorisch sind.
Wie viele sind die Anhänger der vielen "Rev. Jones" im Westen und in der islamischen Welt?
Wahrscheinlich wenige, verglichen mit der Anzahl, die bei anderen größeren Glaubensrichtungen oder Kirchen (oder Madhhab) erkennbar sind. Nur dass die, die am meisten von sich reden machen, auch die extremistischsten sind.
Anscheinend ist eine der Konsequenzen der "Demokratie oder Meinungsfreiheit" das Entstehen von Extremismen. Aber Vorsicht beim nächsten Schritt.
Und dennoch gibt es eine andere Art "Rev. Jones", die aus der demokratischen Laienideologie entsteht. Und das ist es, was mich am meisten beunruhigt: Sie ist auf Laien aufgebaut und nicht durch die Heiligkeit der Religion gestützt. Eben aus diesem Grund hat sie eine klareres und logischeres Auftreten.
Und eben sie ist es, die sich auf kulturelle, ethnische (oft rassenbezogene) Wurzeln bezieht. Durch sie werden ideologische Kämpfe in "Kämpfe der Zivilbevölkerung" umgewandelt.
Tja und nun überlasse ich meinen Lesern die Aufgabe, sie ausfindig zu machen.
[/caption]In der hitzigen Debatte über Buchverbrennungen und gewaltsame Proteste gegen diese Drohung wurden oftmals unangemessene Überlegungen laut. Außerdem wurden wissentlich oder unwissentlich komplett falsche Aussagen in Umlauf gebracht.
Mittelbare Falschbeurkundung nennen Anwälte das.
Mit diesem Eintrag provoziere ich bestimmt einige Reaktionen und gleichzeitig ist er ein Mittel, um bestimmte Tatsachen aus einer anderen Perspektive zu betrachten, was auf jeden Fall länger als 30 Sekunden dauert.
Seit über einem Jahrzehnt existiert es, das Märchen der "kollidierenden Kulturen", das den Westen und den Islam als Kontrahenten ansieht, wobei die Dimensionen der beiden Realitäten praktisch nicht vergleichbar sind.
Und wir haben mehrmals unterstrichen, dass wir nicht an diese Kollision glauben. Aber versuchen wir doch einmal die Terminologie zu verändern und von einem "Kampf der Ideologien" zu sprechen.
Unter Ideologie verstehe ich eine Gesamtheit von Werten und intellektuellen Ansichten, die sich um den eigentlichen Kampf gruppieren, der fast immer auf Politik und/oder wirtschaftlichen Fragen beruht.
Es besteht kein Zweifel, dass der Kampf z.B. zu Zeiten des kalten Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und Russland hauptsächlich politisch war, aber es war auch ein harter ideologischer Kampf - zwischen Kapitalismus und Sozialismus - und der hatte fast globale Auswirkungen.
Was ich hier übermitteln will ist, dass es nicht selten ist, dass auch Religionen sich in Ideologien verwandeln. Praktisch können also unter diesem Gesichtspunkt Kämpfe zwischen Ideologien, die auch religiöser Natur sein können, ausgeführt werden.
Und welche wäre dann die Ideologie des Westens, die auf "irgend eine andere Ideologie" trifft?
Meines Erachtens sind die den "Westen" auszeichnenden Ideologien der Kapitalismus und die repräsentative Demokratie (mit allem was bezüglich der Menschenrechte sowie des Zivilrechts dazu gehört).
Konzentrieren wir uns einmal auf einen der Aspekte dieser Ideologien: die Meinungsfreiheit.
Für westliche Demokratien ist es praktisch ein Dogma.
Ein Dogma mit Ausnahmen (manchmal verbietet oder verhindert die dominierende Ideologie, dass eine entgegengesetzte Ideologie ausgesprochen wird). Ein Dogma mit Widersprüchen (man braucht nur an den Ausspruch von Goedel zu denken: Ist es theoretisch möglich eine blasphemische Meinung bezüglich des Dogmas selbst auszudrücken?). Aber dennoch ist es auf jeden Fall ein nicht diskutierbarer und unumstößlicher Wert.
Und das reflektiert sich natürlich auch in der religiösen Meinungsfreiheit, die auch "heilig" geworden ist. Dies führt zu einer unglaublichen und unkontrollierbaren Verbreitung von "autokephalen Kirchen" - um den Begriff der christlichen Orthodoxie zu verwenden - die die unterschiedlichsten Positionen einnehmen. Ich habe einmal versucht, z.B. die Sekten christlicher Abstammung in den USA zu zählen, aber das ist schlimmer als Schafe zählen zu wollen. Was wichtig dabei ist, ist dass sie in der Summe einen guten Prozentsatz derjenigen darstellen, die sich als Christen definieren, aber nur selten übersteigt eine einzelne ein Prozent der amerikanischen Bevölkerung.
An dieser Stelle ist eine historisch-religiöse Klammer zu setzen. Die Verbreitung der "persönlichen" Kirchen ist eine Auswirkung der protestantischen Reformation des sechzehnten Jahrhunderts. Oder vielleicht auch nicht. Es ist festzustellen, dass die Idee eines Christentums, das das Urteilen und die Auslegung [der Schriften] einer einzigen Spitzengruppe, also dem hierarchisch aufgebauten und durch Sakramente gestützten Klerus überlässt, ausschließlich bei der römischen katholischen Kirche zu finden ist.
Alle anderen monotheistischen Religionen kennen diese Organisationsform nicht. Nicht einmal das Judentum (zumindest gibt es seit der Zerstörung des Tempels keine "Priester" mehr, sondern nur noch "Lehrmeister") und auch der Islam kennt es nicht (dort gibt es nur die Figur des Imam und Shayk). Aufgrund deren Natur sind diese Religionen auf menschlichem Niveau demokratisch bis in die Wurzeln.
Und kommen wir doch mal auf den Punkt: Parsi fragt sich "Aber wie viele 'Rev. Jones' gibt es in der islamischen Welt und wie viele Anhänger haben sie?".
Die Frage ist schon in Ordnung, beinhaltet aber eine gute Dosis an Rhetorik, die die Perspektive verzieht. Denn in den Vereinigten Staaten gibt es viele "Rev. Jones", die an der Spitze der eigenen persönlichen Kirche stehen und ihre Religiosität Dank der durch das "demokratische Regime" garantierten demokratischen (und steuerlichen) Freiheiten ausdrücken können.
Aber aus anderen Gründen gibt es auch beim Islam Myriaden von Imamen und, in einem bestimmten Sinne, Madhhab (außer den vier offiziellen).
Beim Islam ist nämlich die religiöse Ausdrucksfreiheit sehr weitreichend. Man kann sagen, dass dieselbe Meinungsfreiheit wie in der Demokratie besteht (sprich, es ist ausreichend, dass sie nicht blasphemisch ist). Und auch dort wird die Gültigkeit einer "Richtung" grundsätzlich durch die Anzahl der Anhänger bestimmt, die der entsprechenden Ideologie folgen.
Eine Ideologie in engerem Sinne, nicht einer Religion.
Manchmal handelt es sich um gewalttätige, sektenartige, exklusivistische, millenaristische Ideologien, die manchmal extrem spirituell, volksbezogen, pazifistisch oder reformatorisch sind.
Wie viele sind die Anhänger der vielen "Rev. Jones" im Westen und in der islamischen Welt?
Wahrscheinlich wenige, verglichen mit der Anzahl, die bei anderen größeren Glaubensrichtungen oder Kirchen (oder Madhhab) erkennbar sind. Nur dass die, die am meisten von sich reden machen, auch die extremistischsten sind.
Anscheinend ist eine der Konsequenzen der "Demokratie oder Meinungsfreiheit" das Entstehen von Extremismen. Aber Vorsicht beim nächsten Schritt.
Und dennoch gibt es eine andere Art "Rev. Jones", die aus der demokratischen Laienideologie entsteht. Und das ist es, was mich am meisten beunruhigt: Sie ist auf Laien aufgebaut und nicht durch die Heiligkeit der Religion gestützt. Eben aus diesem Grund hat sie eine klareres und logischeres Auftreten.
Und eben sie ist es, die sich auf kulturelle, ethnische (oft rassenbezogene) Wurzeln bezieht. Durch sie werden ideologische Kämpfe in "Kämpfe der Zivilbevölkerung" umgewandelt.
Tja und nun überlasse ich meinen Lesern die Aufgabe, sie ausfindig zu machen.
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