Die Weihnachtssaison aus der Sicht einer Magersüchtigen

Veröffentlicht auf von Ingmar Link

Zwei Winter in den letzten drei Jahren habe ich in einem Krankenhaus verbracht, weit weg von Spaß und weihnachtlicher Fröhlichkeit. Während meine Freunde draußen Glühwein schlürften und Bratwürste oder kandierte Erdnüsse aßen, befand ich mich in einer Station für Essgestörte und weinte, weil die Angestellten mir nicht glaubten, dass ich keine Mince Pies mag. Ich mag sie tatsächlich nicht. Ich musste Clinutrin (kalorienhaltiges Getränk) trinken, weil ich mich weigerte, das Gebäck zu essen und sie gaben mir nicht mal einen Ersatz. Fröhliche Scheißweihnachten.

Es war nicht alles schlecht. Das Team versuchte sein Bestes, um ein "fröhliches" Weihnachtsfest aus dem Boden zu stampfen. Doch die Pfleger wussten genau, dass sie nichts tun konnten, um uns die Angst vor all dem essensbezogenen Schwachsinn zu nehmen, der an diesem angeblich wunderschönen Tag stattfand. Wir haben die Station dekoriert und man erlaubte uns, einen Schneemann im Garten zu bauen (ich spreche hier von 18- bis 60jährigen, die für alles um ERLAUBNIS bitten müssen).

Schnee erinnert mich immer an den Songtext von Richey Edwards von den Manic Street Preachers, der auch an Magersucht litt.
I want to walk in the snow
And not leave a footprint
I want to walk in the snow
And not soil its purity”

(Ich möchte im Schnee gehen und keinen Fußabdruck hinterlassen, ich möchte im Schnee gehen und dessen Reinheit nicht beflecken)

Es ist ein Klischee, dass dieser Song vielen essgestörten Menschen aus dem Herzen spricht und dass der arme Richey das Aushängeschild für Depression, Magersucht und Selbstzerstörung ist. Aber dieser Songtext kommt mir immer in den Sinn wenn es schneit.

Der Song bedeutet mir viel, da diese Worte so roh, so real sind. Gewichtsverlust geschieht nicht aus Eitelkeit sondern aus Sehnsucht nach etwas Tieferem, Stärkerem, vielleicht sogar Spirituellem, wenn man das Reinheitselement in Betracht zieht.

Wenn man sie auf ehrliche Weise beschreibt, ist Dünnheit gleich Zerbrechlichkeit, Leere, Gebrochenheit – das ist das Gefühl, das hinter dem Verhalten steckt.

Es ist etwas besonderes, dünn zu sein. Nicht der falsche Idealismus, dass Dünnsein=Erfolg ist oder andere bescheuerte Slogans wie ‘dünn ist in’ oder ‘nothing tastes as good as skinny feels’ (nichts schmeckt so gut wie Dünnsein sich anfühlt) – das ist alles Müll. Aber da ist etwas.

Ich möchte mich erholen, ich möchte mich wohl, gesund und glücklich fühlen – und bei Gott ich habe es versucht und versuche es weiterhin… Aber die eine Sache, die mich zurückhält, ist die große Angst davor, zuzunehmen. Ich habe wieder genug Gewicht um klar zu kommen, genügend um als "wohlauf" eingestuft zu werden und genügend um die Energie für Arbeit und Studien und Feiern zu haben und was Menschen in meinem Alter sonst noch so machen. Aber ich bin immer noch untergewichtig, mein Körpermasseindex liegt immer noch knapp im Bereich der Magersucht und meine Mutter sagte mir letzte Woche, dass meine Arme von hinten schrecklich knochig aussehen. Es macht mich traurig, dass ich immer noch nicht die Tatsache akzeptieren kann, dass ich (für andere) dünn aussehe.

Warum ist mir Dünnsein so wichtig? Zahlen sind ein eindeutiges und bedauerliches Problem. Mein Gewicht wurde während meiner Kindheit immer wieder gemessen - ich dachte, es sei normal, dass ich jeden Tag gemessen wurde und mein Gewicht in einer Grafik notiert wurde. Kilozahlen bleiben genauso in meinem Gedächtnis hängen wie Zeittafeln. Zahlen bedeuten Grenzen. Zahlen sind gut oder schlecht. Zahlen sind Ziele - sowohl bei der Krankheit wie bei der Heilung. Die Sache, von der man unbedingt wegkommen will, kehrt zurück, sobald man das gefürchtete ‘Zielgewicht’ genannt bekommt. Doch das wird nie gelöscht.

Des weiteren gewöhnt man sich daran, sich leer zu fühlen, dünn auszusehen, und daran, dass Menschen einen bemitleiden, einem helfen, sich um einen kümmern. Man ist die Dünne, die Schwache (oder die Starke in manchen Fällen), diejenige, die allem widerstehen kann, die Entschlossene, die - ja, ich werde es sagen - "Erfolgreiche". Natürlich ist das alles komplett falsch – was hat es mit Erfolg zu tun, wenn man am Ende bettlägerig ist? Aber die Verbindung ist stark. Uns geht es wie einem Mädchen, das in der Schule immer schon die längsten Haare hatte, und dem man jetzt sagt, sie solle sich den Kopf rasieren. Uns sagt man, wir müssten Gewicht zulegen.

Das ist alles andere als einfach. Es ist ein Kampf, härter als ihr euch vorstellen könnt, außer ihr habt es bereits selber erlebt.

Ich kämpfe immer noch, werde immer kämpfen.
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Veröffentlicht in Gesundheit

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