Abtreibungspille, eine typisch italienische Geschichte
[caption id="attachment_283" align="alignright" width="240" caption="Foto: MitruCosteaIV / flickr / Creative Commons Lizenz"]
[/caption]Nach einer ganz und gar politischen und wenig wissenschaftlichen Schlacht, die die Anhänger des Heiligen Wortes ausgefochten haben, meldet sich nun der Oberste Gesundheitsrat zum Umgang mit der Abtreibungspille Ru486 zu Wort. Obwohl die Aifa, die italienische Behörde für die Zulassung von Arzneimitteln, die Pille offiziell zugelassen hat, darf sie nun nur im Rahmen eines Krankenhausaufenthaltes verabreicht werden. Die Regionen, die eigenständig entschieden hatten, das Medikament in Tageskliniken zu verabreichen - wie dies in allen europäischen Ländern mit Ausnahme Irlands und Portugals seit langem gang und gäbe ist (in Frankreich seit zwanzig Jahren!) - müssen nun umschwenken.
Dabei hätte die Pille für das italienische Gesundheitssystem einen echten Umbruch bedeuten können, trägt sie doch zu einer bedeutenden Einsparung von Geldern und Krankenhausbetten bei. Ausserdem kann ihr Einsatz helfen, die Schmerzen der Frauen zu lindern und sie vom Alptraum befreien, ihre persönliche Tragödie im Krankenhaus statt zu Hause ausleben zu müssen. Kurz gesagt, sie weniger leiden zu lassen.
Dass die Frau weniger schmerzvoll abtreiben sollte, gefällt vielen nicht. Diese Vielen verwechseln oft die Sünde mit dem Verbrechen und sind von der bigotten Mentalität durchtränkt, wie sie so typisch für Italiener und insbesondere für katholische Italiener ist, die Schuld durch Sühne reinzuwaschen. Abtreiben ist also eine Schuld. Warum sollte eine einfache Pille dagegen helfen?
Jene, die an den Schutz der Gesundheit der Frauen appellieren, um die Einweisung ins Krankenhaus zu rechtfertigen - und die, wie der Zufall so will, dieselben sind, die sich damals gegen die Vermarktung der Ru486 wehrten – lügen und sind sich dessen auch noch bewusst. Es gibt in Italien keine angesehenere Behörde als die Aifa, wenn es um die Sicherheit von Arzneimitteln geht.
Nachdem nun also unsere Frömmler Italien einen der hintersten Plätze im zivilisierten Europa zugewiesen haben, gilt es, ein paar Betrachtungen anzustellen.
Erstens. Die Pille RU486 kann über das Internet bezogen werden. Es gehört nicht viel dazu, sie sich zu beschaffen und zu Hause abzutreiben. Dazu braucht es nur einen Computer, eine Internetverbindung (aber auch hier reicht der Internetpoint um die Ecke), eine Kreditkarte und um die hundert Euro. In höchstens dreizehn Tagen nach Kauf der Pille wird sie direkt nach Hause zugestellt. So haben sich die italienischen Frauen in den Monaten der administrativen Unsicherheit beholfen, so werden sie sich auch in Zukunft behelfen, um eine Einlieferung ins Krankenhaus zu vermeiden.
Zweitens. Eine stattliche Anzahl an Frauen treibt chirurgisch in der Tagesklinik ab. Das führt uns also zum Paradox, dass die wesentlich riskantere chirurgische Abtreibung in der Tagesklinik erfolgen kann, während man für die pharmazeutische Behandlung für drei Tage ins Krankenhaus muss.
Drittens. Niemand kann einen Patienten zu einem Aufenthalt im Krankenhaus zwingen. Daher werden wohl die Frauen, die lieber eine Pille schlucken als unters Messer zu geraten, nach der Einnahme quittieren und nach Hause gehen.
Wir hatten uns zwar schon an den Gestank der Heuchelei gewöhnt, aber das hier setzt dem Fass die Krone auf.
Wie soll man nicht an den Kirchenbann gegen die Homosexuellen denken, wo in der ganzen Welt der Skandal der pädophilen Priester Wellen schlägt? Wem wird nicht übel beim Anblick von Berlusconi, Casini & Co, alle geschieden und mit zahlreichen unehelichen Kindern gesegnet (dazu Berlusconis wenig keusche Affären mit dem schönen Geschlecht), die sich neben den illustren Würdenträgern in Purpur beim Family Day in Rom in vorderster Front an die Brust schlagen? Wie soll man die ‘Fortpflanzungsferien’ jenseits der italienischen Grenzen einer beeindruckenden Anzahl von Italienern vergessen, die aufgrund der inhumanen Einschränkungen des Artikels 40 zur künstlichen Befruchtung keine Kinder bekommen konnten?
Das sind also wir Italiener. Die zivilisierte Welt schreitet voran, wir weichen zurück und krallen uns an religiösen und unwissenschaftlichen Vorurteilen fest, die sich für die Gesundheit nur schädlich, kostspielig, unnütz, lächerlich und nicht zuletzt heuchlerisch auswirken müssen. "Mama! Ciccio hat mich angefasst! Fass mich an Ciccio, Mama guckt gerade nicht".
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