Ciao Italien, tchao Frankreich! Warum manche Europäer auswandern
[caption id="attachment_7316" align="alignright" width="299" caption="Foto: John Perivolaris / Flickr / CC Lizenz"]
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Im Exportieren der “worst practices” sind wir Italiener manchmal wirklich unschlagbar: “Tchao la France” ist der Titel des jüngsten Buches von Corinne Maier, der bekannten französischen Schriftstellerin, die vor einigen Jahren den Bestseller “Die Entdeckung der Faulheit” veröffentlicht hatte.
“Wahr ist, dass Frankreich nicht funktioniert, es ist ein fantastischer Ort für Touristen, aber nicht für die, die darin leben müssen. Mein Ratschlag an alle: Macht es wie ich, und wie zwei Millionen Eurer Mitbürger. Verlasst dieses Land!“.
So zeichnete Maier in einem Interview vor einigen Tagen das Bild eines Landes, das Italien scheinbar verdammt ähnlich sieht: Hohe Mieten, die Notwendigkeit, die "richtigen" Leute zu kennen, um beruflich voranzukommen, Jugend ohne Zukunft, das Scheitern der großen Hochschulen beim Fördern des sozialen Aufstiegs sowie eine verschwindend kleine politische, intellektuelle und wirtschaftliche Elite, die das Land führt und über unzugängliche Netzwerke verwaltet.
Immer mehr von uns gehen weg, die Anzahl der Franzosen im Ausland hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Zweieinhalb Millionen Ausgewanderte sind ganz schön viel, wenn man bedenkt, dass Frankreich im Gegensatz zu Italien traditionell kein Auswanderungsland gewesen ist“, erklärt Maier, stolz, Italien als Beispiel anzuführen, ein wahrer Spitzenreiter in diesem Bereich [...].
Dass Frankreich nicht das Paradies auf Erden ist, bestreitet niemand: Dass sich jenseits der Alpen auch mancher kleine italienische Schwachpunkt eingeschlichen hat, steht auch außer Frage. Aber - lasst es euch von einem sagen, der dort noch vor drei Jahren gelebt hat- es ist dennoch eine vollkommen andere Welt als Italien. Ob es einem gefällt oder nicht, man spürt dort die Präsenz eines Staates, der sich um dich kümmert, auch wenn du vielleicht nicht die "richtigen" Personen kennst, um deine Probleme zu lösen. Außerdem muss man bedenken, dass es zwei “France” gibt: Paris und den Rest des Landes, die nicht verwechselt werden dürfen. Die Probleme der Metropole Paris sind nicht unbedingt dieselben wie die von Strasbourg, Rennes, Lyon etc..
[caption id="attachment_10261" align="alignleft" width="243" caption=""Tschüss Frankreich" heisst das neue Buch von Corinne Maier"]
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Unser Italien ist ein Land, in dem - das hat diesmal selbst der italienische Handwerkerverband Confartigianato zugegeben - mehr als 55% der jungen Leute es Kontakten oder Familienmitgliedern oder Freunden zu verdanken haben, wenn sie das erste Mal Arbeit finden. Hier unterscheiden sich der Norden (52,2%) und der Süden Italiens (58,2%) kaum voneinander: Nicht einmal 7% aller jungen Leute werden über Stellenausschreibungen angestellt, während der Anteil derjenigen, die über Arbeitsagenturen oder Arbeitsämter eine Stelle bekommen, verschwindend gering ist. Betrachtet man die Gesamtanzahl der Anstellungen, haben die Unternehmen in 49,7% der Fälle Personal eingestellt, das ihnen durch Kontakte vermittelt wurde. In Betrieben mit bis zu neun Angestellten ist der Anteil sogar höher als 53%. “Personalauswahl” scheint eine unbekannte Praxis zu sein…
Confartigianato beklagt auch die Tatsache, dass in manchen Berufsfeldern Stellen nicht besetzt werden, obwohl doch alle über die Krise und die Arbeitslosigkeit klagen: Es handelt sich um Tür- und Fenstereinbau-Profis, Bäcker, Konditoren, Schneider, Tischler und Köche. Aber auch hier müssen wir in uns gehen, ehrlich zur Jugend sein und sagen: “Es hat keinen Sinn zu studieren, in diesem Land wird qualifiziertes Personal nicht gebraucht”. Und das, was dann doch mal gebraucht wird, wird durch die Hintertür eingestellt. Da muss man Freund, Sohn, Neffe von dem und jenem sein… Seien wir doch mal ehrlich: Ist Italien auf dem Weg, etwas ganz Anderes zu werden? Ein Land, in dem Arbeitskräfte, aber keine Universitätsabsolventen benötigt werden?
Wenn dem so ist, dann soll es jemand laut sagen und die Tore für all jene zur Auswanderung endgültig und für immer aufreißen, die keine Hoffnung auf eine Beschäftigung mehr haben. In diesem Zusammenhang hat das Enfapi, das Berufsausbildungszentrum für die Industrie in Bergamo, wahrscheinlich gar nicht übertrieben, als es ein Werbeplakat mit einer ziemlich direkten Message verbreitet hat, dessen Titel lautete: “Je weniger Studium, desto besser”. Dazu sprachen die Fotos eine deutliche Sprache: Auf der einen Seite sieht man Andrea, Abteilungsleiter mit Ausbildung, verlobt und glücklich. Auf der anderen Seite steht Luca, Hochschulabsolvent im Prekariat und “Muttersöhnchen”.
Soll dies ein Porträt Italiens sein, das gerne zu einem Land werden möchte, in dem das menschliche Kapital zählt? Wahrscheinlich ist doch eher so, dass wir das menschliche Kapital durch Tritte in den Hintern so sehr abschrecken, dass wir bald in die “Zweite Liga” der unterentwickelten Länder abrutschen könnten. [...]
In der Zwischenzeit verlassen unsere jungen Italiener, die in die "falschen" Familien geboren wurden, das Land. Wie eine sehr aufschlussreiche, von Claudia Cucchiarato für die Repubblica durchgeführte Umfrage nachweist, gehen 60% dieser Auswanderer aus “Notwendigkeit”. 57% der Befragten sind jünger als 34 Jahre, 73% von ihnen haben einen Universitätsabschluss oder den Doktortitel, zwei Drittel sind männlichen Geschlechts. Den Pappkoffer der Emigranten von damals haben sie zu Hause gelassen: Bei ihnen handelt es sich um “gezielte” Neuansiedlungen in der Fremde. Italien grüßen sie aus der Ferne, winkend, und denken dabei an die drohende Dritte Welt, der sie entkommen sind.
[/caption]Im Exportieren der “worst practices” sind wir Italiener manchmal wirklich unschlagbar: “Tchao la France” ist der Titel des jüngsten Buches von Corinne Maier, der bekannten französischen Schriftstellerin, die vor einigen Jahren den Bestseller “Die Entdeckung der Faulheit” veröffentlicht hatte.
“Wahr ist, dass Frankreich nicht funktioniert, es ist ein fantastischer Ort für Touristen, aber nicht für die, die darin leben müssen. Mein Ratschlag an alle: Macht es wie ich, und wie zwei Millionen Eurer Mitbürger. Verlasst dieses Land!“.
So zeichnete Maier in einem Interview vor einigen Tagen das Bild eines Landes, das Italien scheinbar verdammt ähnlich sieht: Hohe Mieten, die Notwendigkeit, die "richtigen" Leute zu kennen, um beruflich voranzukommen, Jugend ohne Zukunft, das Scheitern der großen Hochschulen beim Fördern des sozialen Aufstiegs sowie eine verschwindend kleine politische, intellektuelle und wirtschaftliche Elite, die das Land führt und über unzugängliche Netzwerke verwaltet.
Immer mehr von uns gehen weg, die Anzahl der Franzosen im Ausland hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Zweieinhalb Millionen Ausgewanderte sind ganz schön viel, wenn man bedenkt, dass Frankreich im Gegensatz zu Italien traditionell kein Auswanderungsland gewesen ist“, erklärt Maier, stolz, Italien als Beispiel anzuführen, ein wahrer Spitzenreiter in diesem Bereich [...].
Dass Frankreich nicht das Paradies auf Erden ist, bestreitet niemand: Dass sich jenseits der Alpen auch mancher kleine italienische Schwachpunkt eingeschlichen hat, steht auch außer Frage. Aber - lasst es euch von einem sagen, der dort noch vor drei Jahren gelebt hat- es ist dennoch eine vollkommen andere Welt als Italien. Ob es einem gefällt oder nicht, man spürt dort die Präsenz eines Staates, der sich um dich kümmert, auch wenn du vielleicht nicht die "richtigen" Personen kennst, um deine Probleme zu lösen. Außerdem muss man bedenken, dass es zwei “France” gibt: Paris und den Rest des Landes, die nicht verwechselt werden dürfen. Die Probleme der Metropole Paris sind nicht unbedingt dieselben wie die von Strasbourg, Rennes, Lyon etc..
[caption id="attachment_10261" align="alignleft" width="243" caption=""Tschüss Frankreich" heisst das neue Buch von Corinne Maier"]
[/caption]Unser Italien ist ein Land, in dem - das hat diesmal selbst der italienische Handwerkerverband Confartigianato zugegeben - mehr als 55% der jungen Leute es Kontakten oder Familienmitgliedern oder Freunden zu verdanken haben, wenn sie das erste Mal Arbeit finden. Hier unterscheiden sich der Norden (52,2%) und der Süden Italiens (58,2%) kaum voneinander: Nicht einmal 7% aller jungen Leute werden über Stellenausschreibungen angestellt, während der Anteil derjenigen, die über Arbeitsagenturen oder Arbeitsämter eine Stelle bekommen, verschwindend gering ist. Betrachtet man die Gesamtanzahl der Anstellungen, haben die Unternehmen in 49,7% der Fälle Personal eingestellt, das ihnen durch Kontakte vermittelt wurde. In Betrieben mit bis zu neun Angestellten ist der Anteil sogar höher als 53%. “Personalauswahl” scheint eine unbekannte Praxis zu sein…
Confartigianato beklagt auch die Tatsache, dass in manchen Berufsfeldern Stellen nicht besetzt werden, obwohl doch alle über die Krise und die Arbeitslosigkeit klagen: Es handelt sich um Tür- und Fenstereinbau-Profis, Bäcker, Konditoren, Schneider, Tischler und Köche. Aber auch hier müssen wir in uns gehen, ehrlich zur Jugend sein und sagen: “Es hat keinen Sinn zu studieren, in diesem Land wird qualifiziertes Personal nicht gebraucht”. Und das, was dann doch mal gebraucht wird, wird durch die Hintertür eingestellt. Da muss man Freund, Sohn, Neffe von dem und jenem sein… Seien wir doch mal ehrlich: Ist Italien auf dem Weg, etwas ganz Anderes zu werden? Ein Land, in dem Arbeitskräfte, aber keine Universitätsabsolventen benötigt werden?
Wenn dem so ist, dann soll es jemand laut sagen und die Tore für all jene zur Auswanderung endgültig und für immer aufreißen, die keine Hoffnung auf eine Beschäftigung mehr haben. In diesem Zusammenhang hat das Enfapi, das Berufsausbildungszentrum für die Industrie in Bergamo, wahrscheinlich gar nicht übertrieben, als es ein Werbeplakat mit einer ziemlich direkten Message verbreitet hat, dessen Titel lautete: “Je weniger Studium, desto besser”. Dazu sprachen die Fotos eine deutliche Sprache: Auf der einen Seite sieht man Andrea, Abteilungsleiter mit Ausbildung, verlobt und glücklich. Auf der anderen Seite steht Luca, Hochschulabsolvent im Prekariat und “Muttersöhnchen”.
Soll dies ein Porträt Italiens sein, das gerne zu einem Land werden möchte, in dem das menschliche Kapital zählt? Wahrscheinlich ist doch eher so, dass wir das menschliche Kapital durch Tritte in den Hintern so sehr abschrecken, dass wir bald in die “Zweite Liga” der unterentwickelten Länder abrutschen könnten. [...]
In der Zwischenzeit verlassen unsere jungen Italiener, die in die "falschen" Familien geboren wurden, das Land. Wie eine sehr aufschlussreiche, von Claudia Cucchiarato für die Repubblica durchgeführte Umfrage nachweist, gehen 60% dieser Auswanderer aus “Notwendigkeit”. 57% der Befragten sind jünger als 34 Jahre, 73% von ihnen haben einen Universitätsabschluss oder den Doktortitel, zwei Drittel sind männlichen Geschlechts. Den Pappkoffer der Emigranten von damals haben sie zu Hause gelassen: Bei ihnen handelt es sich um “gezielte” Neuansiedlungen in der Fremde. Italien grüßen sie aus der Ferne, winkend, und denken dabei an die drohende Dritte Welt, der sie entkommen sind.
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