Gestatten Stygiomedusa, die Riesenqualle

Veröffentlicht auf von Jan

[caption id="attachment_11337" align="aligncenter" width="486" caption="Stygiomedusa gigantea zum ersten Mal “live” aufgenommen im Golf von Mexiko. Foto: sott.net"][/caption]

Es gibt Tiere, die kaum bekannt sind, weil sie äußerst selten sind, und es gibt Tiere, die man kaum kennt, weil sie in für uns unzugänglichen Orten leben. Und dann gibt es noch seltene Tiere, die gleichzeitig in unzugänglichen Orten zuhause sind. Zu dieser letzten Kategorie gehört eine Riesenquallenart, die Stygiomedusa gigantea.

In einem Beobachtungszeitraum von 110 Jahren (1899-2009) wurden gerade einmal 118 Exemplare in 110 verschiedenen Beobachtungsorten auf der ganzen Welt gesichtet, da es sich um eine Art handelt, die in allen Ozeanen außer in der Arktis beheimatet ist.

Zum ersten Mal gesichtet wurde sie 1901 in der Antarktis. Der Naturforscher Borchgrevink berichtet vom Fang einer “großen Qualle” mit einem Gewicht von “90 Pfund” (etwa 45 kg), mit “Armen oder Gliedmaßen mit etwa 11 Metern Länge”. Zum letzten Mal wurde sie dagegen im Golf von Mexiko mithilfe eines ROV (Remotely Operated Vehicle) im Rahmen des Programmes SERPENT der Louisiana State University aufgenommen, wo das Filmen von vier Exemplaren im ihrem Lebensraum im Laufe von vier Jahren (2005-2009) gelang.

Weshalb sind diese Tiere so “unnahbar”, dass man im Durchschnitt gerade mal eines pro Jahr sichtet? Denn eigentlich sind Riesenquallen keine Seltenheit: Die Küsten Japans sind buchstäblich von einer Riesenqualle namens Nemopilema nomurai oder auch “Nomura” verpestet, die die Ökosysteme der Küste zerstört. Auch die weltweit größte Riesenqualle, die Cyanea capillata oder gelbe Haarqualle ist gut erforscht, obwohl sie in den kalten Gewässern der Arktis und des Nordpazifiks und Nordatlantiks lebt. Der Unterschied besteht darin, dass während die zwei letztgenannten Quallenarten an der Wasseroberfläche leben, unsere Stygiomedusa dagegen die meso- oder bathypelagischen Schichten bevorzugt, also Tiefen um die 800m oder unter etwa 2000 Meter, was es nahezu unmöglich macht, sie zu sichten oder zu fangen (wenn man sie denn fängt, geschieht dies meist aufgrund von Dynamitfischerei durch die Dekompression, die sie an die Oberfläche befördert). Die einzige Möglichkeit, sie zu sehen, ist also ein ROV, aber auch so hat es den Anschein, als seien diese Tiere nicht besonders verbreitet. Das ist nicht überraschend, wenn man daran denkt, dass diese Qualle in dunklen, kalten und nährstoffarmen Tiefen lebt, wo die Tierwelt eher spärlich besetzt ist.[...]

Bizarr wird es jedoch, wenn wir an die Untersuchung der Anatomie dieser Tiere gehen. Was vor allem ins Auge fällt, ist die Tatsache, dass Stygiomedusa auf Teile ihrer Tentakeln verzichtet, nämlich auf ihre Nebententakel unter dem Schirm. Daher erscheint sie “dünner” als eine normale Qualle. Diese Nebententakel sind es auch, die normalerweise bei Berührung ein Brennen auslösen. Tatsächlich fehlen bei dieser Art die für das Brennen verantwortlichen Nesselzellen. Unter dem Schirm, der bis zu 140cm Durchmesser haben kann, ragen nur vier flache, dünne Mundtentakeln hervor, die bis zu zehn Meter lang sein können, in der Mitte von kleinen Kanälen durchzogen werden und eine ungeheure Haftkraft entwickeln. Die Aufnahmen des ROV zeigen die Quallen, wie sie sich mit ihren Tentakeln um feste Unterwasserstrukturen wickeln und dort wie auf Fliegenpapier kleben bleiben. Vermutlich umschlingen sie auf diese Weise ihre Beute mit den Tentakeln und halten sie mit den großen Mundlappen fest, während sie sie verspeisen. Die Bewegungslosigkeit der Beute wird also ohne Hilfe der Gifte erreicht, die sich üblicherweise in den Nesselzellen der verbreitetsten Quallen befinden (hier findet ihr einen Artikel über diese Giftstoffe). Bei unserer Qualle dagegen bleibt die Beute an den Tentakeln haften und wird mit einem Mechanismus wie aus einem guten Fantasy-Horrofilm “einverleibt” (ich sehe schon den Titel vor meinem geistigen Auge: “Schrecken aus der Tiefe: Das Geheimnis der Stygiomedusa antropofaga”). Wenn man einem Ort lebt, an dem es wenig zu Fressen gibt, hilft es, auf Rationalisierung zu setzen und sich die Stoffwechselkosten der Giftstoffproduktion einzusparen.[...]

Im Fall der Stygiomedusa wird die Entwicklungsphase des Polypen übersprungen, da sich die junge Qualle bereits im Mutterleib entwickelt, und zwar in den Zysten in der Nähe der Eierstöcke, die bei einer Qualle am ehesten als Gebärmutter bezeichnet werden können. Die Babyqualle wird durch eine Nabelschnur ernährt, die von den Zysten zum gastrovaskularen System der Qualle verläuft und wenn sie groß genug ist, wird sie als Lebendgeburt “geboren”. Wer hätte gedacht, dass die Quallen sich derartiger Elternpflege erfreuen und ihre “Jungen” lebend gebären?

Die vorerst letzte Besonderheit dieser Quallenart: Sie leben im Verbund mit einem Tiefseefisch, Thalassobathia pelagica, einem Fisch tiefblauer Farbe, der von einem violetten Schirm umgeben wird. Die Art, zu der dieser Fisch gehört, ist bekannt dafür, im Umfeld anderer Riesenquallenarten zu leben, was einen räuberischen oder parasitären Zusammenhang ausschließt. Ob es sich um eine Symbiose oder um eine Fressgemeinschaft handelt, muss noch herausgefunden werden.

Wenn ihr dieses "merkwürdige Paar" in Aktion sehen wollt, könnte ihr hier einen der Filme des ROV bestaunen.


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Veröffentlicht in Italien

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