Das Kopftuch aus marokkanischer Sicht
Laut einer Studie der Vereinigung marokkanischer Frauen (ADFM) aus dem Jahr 2007 galt der Hijab (ein Kopftuch/Schleier, der die Haare verbirgt, das Gesicht aber frei lässt) lange Zeit als religiöses Symbol für den politischen Militantismus der 80er Jahre, wurde aber ab den 2000er Jahren zu einer weltlichen Angelegenheit und somit zu einem modischen Stil wie viele andere. Der ADFM hebt dabei hervor, dass die meisten Frauen ihre Kleidung der aktuellen Mode folgend auswählen, dabei unvoreingenommen sind, freilich aber allzu extravagante Kleidungsstücke meiden, wenn diese nicht mit ihrem Lebensstil zu vereinbaren sind.In den Straßen der größten Städte Marokkos sieht man immer häufiger junge Frauen in zeitgemäßer Kleidung, auf Hüfthohe sitzenden Jeans, mit viel Strass bestückten Gürteln, Designer-T-Shirts und dem Hijab in den zum Look passenden Farben. Besonders trendy ist es, Hijabs in Gestalt von Kopftüchern anzulegen, die von den bedeutendsten internationalen Stilisten gestaltet wurden, wobei natürlich die Marke gut sichtbar platziert wird, um so einen gewisse soziale Zugehörigkeit zu zeigen.
Es geht also nicht nur um religiöse Überzeugung, wie viele Soziologen meinen, sondern eher um eine Frage des Aussehens, was im Einklang mit den verschiedenen Marktanalysen der letzten Jahren steht und was Mädchen in Marokko letztlich selbst unter Beweis stellen, wenn sie in Interviews zugeben, dass sie wenig über den Hijab in der islamischen Religion, die Koranverse und den Hadiths wissen.
Parallel zu diesem modischen Aspekt verwenden viele Mädchen im heiratsfähigen Alter den Hijab, um sich ein seriöses, zurückhaltendes, frommes Wesen zu geben, das heiratswillige Männer anziehen soll. Aber denen gefällt das nicht. Ein Anzeichen für die mangelnde Begeisterung der jungen Männer findet man in dem hierzulande gängigen Wort für Hijab - ”Überraschungsei“. Die jungen Männer sagen, dass es nicht reiche, ein Kopftuch anzuziehen, um daraufhin geachtet oder begehrt zu werden. Laut einer Umfrage einer bekannten Firma für islamische Bekleidung ist es für die überwiegende Mehrheit der Männer weitaus wichtiger, dass ein Mädchen sich durch gute Sitten und durch ein vorbildliches Benehmen auszeichne, deren Vorhandensein ein Kopftuch allein nicht beweisen kann. Eine junge marokkanische Bloggerin war dreimal verlobt. Alle drei Verlobten haben sie verlassen, weil sie aufgrund ihres Schleiers dachten, sie wäre eine unterwürfige, fügsame und sehr konservative Frau (was sie nicht war) und vielleicht etwas zu verbergen hatte.
In Tunesien ist momentan dasselbe Phänomen zu beobachten. Zwanzig Jahre nach der Unterzeichnung einer Verordnung durch den betagten Präsidenten Habib Bourguiba, die das Tragen des Kopftuchs in den öffentlichen Institutionen verbot, ist das Kopftuch heute mit Macht zurückgekommen und überall zu sehen - in den Universitäten, an den Stränden, in den Geschäften, den Cafés im Zentrum. Auch hier sind viele der Ansicht, dass es sich dabei nicht nur um ein Modephänomen handelt, sondern dass die massive Verbreitung des Kopftuchs auch die wachsende Zahl der Singles verrät. Die Meinung eines in Marokko sehr bekannten Imams dazu ist: ”Wenn Männer oder Frauen sich ein Aussehen geben, mit dem einzigen Zweck, sich zu verheiraten, und dieses Aussehen im Widerspruch zu dem steht, was diese Menschen wirklich fühlen, dann handelt es sich um reine Heuchelei." Woraufhin er ein Hadith zitiert : ”Gott liebt euch nicht eures Aussehens oder eures Körpers wegen. Schaut lieber auf euer Herz”.
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