Lesen bringt immerwährende Freude

Veröffentlicht auf von Ingmar Link

Als ich ein Kind war, war ich die Erstgeborene für Alle in der Familie — Tochter, Nichte, Großenkelin, Ur-Urenkelin… immer. Und ich denke, dass daher so VIELE Leute mir vorgelesen haben.

Insbesondere meine Mutter nahm mich und meinen Bruder mit auf die Couch im Dachgeschoss und las uns aus einem Buch vor. Wir haben alte Klassiker gelesen -  viel Rudyard Kipling. Meine Lieblingsstories waren "Rikki-Tikki-Tavi" (wie konnte ich diesen Titel mit einem derartigen Rhythmus nicht mögen !) und "The Elephant’s Child" (noch eine Geschichte, die wie Musik klang, in welcher "Der Stärkere überlebt" und dessen Zeilen noch heute in meinem Kopf herum schwirren).

Irgendwann jedoch wurde das Leben stressig. Meine Mutter mußte Vollzeit arbeiten, als mein Vater sehr überraschend abhaute. Diese langen Leseabende mussten ein Ende haben. Ich ging zu meiner Mutter und fragte sie:  "Können wir lesen?" Und manchmal, auch wenn sie völlig fertig war, sagte sie "okay". Oft genug jedoch sagte sie einfach nur "Nein."

Das Ergebnis? Ich lernte, alleine zu lesen—und komplett neue Welten eröffneten sich mir. Die Freude, ruhig mit einem Buch da zu sitzen, sich zu konzentrieren, sich in der Geschichte zu verlieren, ganz alleine, war eine ganz neue Erfahrung, als mit der Familie zusammen zu sitzen. Ich las und las.

Jetzt, da ich erwachsen bin — genau in demselben Alter wie meine Mutter, als ihr Leben aus den Fugen geriet — habe ich selber so einiges an Stress zu bewältigen. Nichts wirklich Wildes, aber es kommt vor, dass ich Nachts keine Auge zu bekomme.

Mein Verlobter kommt mir dann zu Hilfe. "Soll ich dir was vorlesen?", sagt er dann.

Und er schlägt ein Buch auf, oder eine Zeitschrift, oder sogar eine Webseite (einmal hat er mir etwas über die Eigenschaften des Nebels vorgelesen), und ich schlafe sanft ein, ganz leicht — seine Stimme wiegt mich in den Schlaf, bis ich nicht mal mehr merke, dass er das Licht ausschaltet.

Meine Mutter hat mir ein wunderschönes Geschenk gemacht — das Geschenk, das Geschriebene zu schätzen. Und wenn mein Verlobter mir vorliest am Abend, kann ich seine Großzügigkeit und Liebe spüren.

Wenn du jemandem eine Geschichte vorliest, gibst du einen Teil von dir preis. Es ist auch nicht wichtig, dass die Worte nicht die deinen sind. Eine Geschichte zu teilen heißt, sein Herz zu teilen — und während Fernseher kaputtgehen und iPods verloren gehen, ist ein gelesenes Buch eine Erinnerung, die für immer bleibt.

FRAGE AN DIE LESER: Wer hat euch in eurem Leben die Lust am Lesen vermittelt? Wie habt ihr diese Lust weitergegeben?

Frohes, wunderschönes Lesen!

Lisa Dale.
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Veröffentlicht in Kultur

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