Andere Länder, andere Cyber-Patienten

Veröffentlicht auf von Jan

Laut einer Untersuchung des englischen Unternehmens Engage Mutual, das auf diese Art von Studien spezialisiert ist, suchen über sechs Erwachsene von 10  [im Vereinigten Königreich] im Falle eines Unwohlseins lieber das Web als den Arzt auf. Die Hälfte von ihnen ist danach überzeugt, an schweren gesundheitlichen Problemen, ja sogar an tödlichen Krankheiten zu leiden. Bauchschmerzen etwa können 28% der das Web konsultierenden Patienten nach kurzer Online-Kontrolle schon mal dazu bringen, zu glauben, ihnen stehe eine Blinddarmentzündung ins Haus.

Zum Glück sind die Italiener zumindest in dieser Hinsicht sehr viel gelassener und neigen, wenn überhaupt, dazu, den umgekehrten Weg einzuschlagen: Sie suchen erst den Arzt auf konsultieren dann das Internet, um das Gehörte zu vertiefen, wie dies auch Claudio Cricelli, der Vorsitzende der Italienischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (Simg), bestätigt:
Etwa 25% unserer Patienten - erklärt er  - hat regelmäßigen Zugang zum Internet. Davon sind die Jüngsten und die Personen mit mittlerer bis hoher Ausbildung die aktivsten Nutzer. Dann gibt es noch die, die für Andere Recherchen im Internet tätigen, etwa für die Großeltern oder die Eltern, aber es geht dabei meist um eine Vertiefung der vom Arzt ergangenen Diagnose. Wir können also sagen, dass weniger als 1% unserer Patienten als 'Cyberpatienten' definiert werden können.

Der Unterschied zwischen uns Italienern und den Briten oder auch den Amerikanern (auch hier sind die Cyber-Patienten Legion) ist kultureller Art und hängt mit der sanitären Pflege oder dem Umgang der Institutionen mit den Bürgern sowie mit dem Wesen des Gesundheitssystems zusammen.
In den angelsächsischen Ländern - fährt Cricelli fort - ist die 'Selbstdiagnose' weit verbreiteter und genießt eine längere Tradition. So ruft etwa die britische Regierung seit Anfang der 90er Jahren zur verstärkten Nutzung der Webseite des Gesundheitsministeriums auf, wo Interessierte eine 'Karte' des menschlichen Körpers finden, um so den Ursprung kleiner Wehwehchen nachzuvollziehen und sie in Selbstbehandlung mit frei erhältlichen Medikamenten zu kurieren.
In den Vereinigten Staaten stellt sich die Notwendigkeit der Selbstdiagnose akut dar, da viele Menschen keine Krankenversicherung haben und lieber das Web als den teuren Arzt aufsuchen. Außerdem ist hier der Kauf von Medikamenten übers Internet viel verbreiteter, um sich den Weg der ärztlichen Verschreibung zu sparen, erläutert Cricelli.

In Italien ist die Lage gänzlich verschieden, dank der Gestaltung der Gesundheitsfürsorge und der Haltung unserer Regierung. Die Gesundheitsfürsorge ist trotz aller Macken für alle kostenlos. Die Haltung der Regierung, die schon immer "paternalistischer" als anderswo wahrgenommen wurde, zeigt nicht selten vormundschaftliche und rechthaberische Züge, und das bei einem so delikaten und privaten Thema wie der Gesundheit. Aber wenigstens schützt sie uns von der "Selbst ist der Mann"-Attitüde der Internetkuren.
Bei uns  "werden Medikamente in verschwindend geringer Menge übers Internet erstanden - versichert der Vorsitzende der Simg - und dann handelt es sich auch meist um 'nicht-therapeutische' Produkte'", wie Nahrungsergänzungsmittel oder Fitness-Produkte, "da unser Gesundheitssystem Medikamente kostenlos für alle vorsieht", solange man mit einem regulären Arztrezept ausgestattet ist. Das ist der Grund, weshalb der Rückgriff auf die Internetanalyse hierzulande weit weniger anzutreffen ist.

Meiner Meinung nach gibt es jedoch noch einen anderen Grund, denn wenn es auch wahr ist, dass das italienische Gesundheitssystem "demokratischer" als anderswo ist, so muss doch auch gesagt werden, dass dies nicht für den Zugang zum Internet gilt. Erstens gibt es flächendeckend zu wenig Computer und schnelle Internetverbindungen in Italien, zweitens rührt daher der niedrige Computerisierungsgrad unserer Bevölkerung, der oft gar nichts übrig bleibt, als zur  'Do it yourself'-Methode zu greifen. Dass uns eine allgemein verbreitete Kultur des Internets fehlt, sehen wir gerade in der Revolution des Brunetta (Minister für die Öffentliche Verwaltung und Innovation), der versucht, die gesamte öffentliche Verwaltung zu informatisieren mit dem erklärten Willen,  "Verwaltungs- und Betriebskosten und -zeiten vor allem zugunsten der Bürger zu reduzieren", was nun eben nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen wurde und bisher auch nicht die erhofften Ergebnisse gebracht hat.
Man sperrt und ziert sich und zeigt dabei nur die mangelnde Bereitschaft, in die Zukunft zu blicken.  Die schlimmsten dabei scheinen ausgerechnet die Körperschaften und die öffentliche Verwaltung zu sein, die unfähig sind, die eingeführten Innovationen in angemessener Zeit umzusetzen.

Dieser Post wurde freundlicherweise von der Autorin gekürzt. Um den vollständigen Post (auf Italienisch) zu lesen, klickt bitte hier.

Werbung

Veröffentlicht in Gesellschaft

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post