Empathie: je mehr Opfer, desto weniger Anteilnahme...

Veröffentlicht auf von Ingmar Link

[caption id="attachment_6694" align="alignright" width="359" caption="Foto: b0xman | Creative Commons Lizenz (Flickr)"][/caption] Ben Goldacre kam vor kurzem zu der beunruhigenden Folgerung, dass je mehr Menschen Opfer krimineller Gewalt werden, desto weniger stark die Missbilligung oder Anteilnahme der Beobachter ausfiel. Dies wurde in der gesetzlichen Strafe widergespiegelt: paradoxerweise schien die Strafe niedriger zu sein, je mehr Opfer gewisse Täter verletzten. Warum ist das wohl so? Goldacre deutet etwas ergebnislos auf das Scheitern der “Empathie” hin. Aber eine etwas andere Erklärung könnte für mehr Aufklärung sorgen. Meine Antwort gründet auf der schottischen Philosophie des 18. Jahrhunderts. Genauer gesagt auf dem “Sympathie” Prinzip von David Hume, das von seinem Freund Adam Smith sorgsam weiterentwickelt wurde. Obwohl deren Konzepte von Sympathie viel zu technisch sind, um hier vernünftig ausgebreitet werden zu können (insbesondere im Fall von Smith, der sich von Hume in ganz entscheidenden Aspekten unterscheidet), kann eine kurze und einfache Darstellung gewinnbringend sein. Wir beginnen mit anderen zu "sympathisieren", wenn wir deren Gefühle oder mentale Zustände in unserem Geist darstellen. Dies kann durch bewusste Besinnung erreicht werden oder automatisch ohne überhaupt daran zu denken. Der entscheidende Vorgang ist, dass, nachdem wir die Gefühle (oder mentalen Zustände) von anderen uns selbst klargemacht haben, wir eine darauffolgende Reaktion haben: Wir fühlen in gewissem Maße mit, indem wir die Gefühle (oder den mentalen Zustand) der Person nachbilden und ein abgeschwächte Version davon selber empfinden. Wenn ich sehe, wie jemand Dich mit einem Stock schlägt, stelle ich mir also diese Aktion in meinem Geist vor (möglicherweise reflektierend, wahrscheinlich aber automatisch) und führe mir den Schmerz vor Augen, den du empfindest. Wenn der Stock sich gegen dich erhebt, kann ich sogar reflexartig mein Bein wegziehen, so weit kann das Ausmaß meiner "Sympathie" sein, angesichts der Erfahrung, die Dir widerfährt. Und wenn ich weiß, dass Du derzeit unter großem Stress leidest, könnte ich mir Deine Gefühle vorstellen und dabei eine etwas abgeschwächtere Art von Nervosität selber verspüren. Hume und Smith dachten, dass die Tendenz, mit den Erfahrungen anderer - ob guter oder schlechter Art - mitzufühlen, einen wichtigen Rahmen an geteilter Moral darstellt. Auf diese Art ermöglicht Empathie ein soziales Leben ohne ständigen Rückgriff auf Eigeninteressen. Die beiden Philosophen dachten auch, dass im Laufe der Entwicklung des menschlichen Wissens weitere Entdeckungen ihre Hypothesen zur Funktionsweise (und Wichtigkeit) von Sympathie anreichern und erweitern würden. Und genau das tun vielleicht die Fälle, die Goldacre nennt. In der Tat gibt es hier ein Problem zu erklären: Warum ist es so, dass wir scheinbar mit ein paar Opfern "sympathisieren" (im Sinne von Hume/Smith), aber nicht so einfach mit einer großen Anzahl (und entsprechend Täter im ersten Fall missbilligen, im letzteren jedoch weniger)? Hume und Smith betonten insbesondere, dass die "Natur" uns mit den richtigen mentalen Werkzeugen "ausgestattet" hat, um in unserer Umwelt zurechtzukommen und eine sehr ausgefeilte Überlebenskunst zu entwickeln. Aber als Pre-Darwinisten waren sie nicht in der Lage zu erklären, wie die Natur dies tut. Da haben wir vielleicht bessere Karten. Beachtet dies: Kreaturen, die in der Lage sind, mit einer großen Anzahl an Leidenden zu “sympathisieren”, müssen sich das Leiden dieser Menschenmenge im Geist vorstellen. Dann müssen sie den entsprechenden Eindruck von nachempfundenem Schmerz selber fühlen, in einem Maße, das dem kollektiven Leiden gerecht wird. Um es klar auszudrücken: Das könnte dazu führen, dass man sich sehr viel Leiden vorstellen und auch fühlen muss. Dann würde man aber sicherlich einen psychologischen Zusammenbruch erleben, da andere (vitale) Funktionen durch diese Gefühlsflut verdrängt werden. Im Gegensatz dazu können Kreaturen, die nur mit einer begrenzte Menge an Menschen mitfühlen, dieses massive Leiden "ausblenden", das sie sonst schwächen würde. Dennoch haben sie genügend "Sympathie" übrig, um Bindungen mit denen, die ihnen nahe stehen, einzugehen. Auf diese Weise rückt das Eigeninteresse in den Hintergrund, was für alle vorteilhaft ist. Aus einer darwinistischen Perspektive ist es klar, welche Art von Kreaturen am wahrscheinlichsten überleben wird (oder überhaupt erst Gelegenheit hat, sich weiterzuentwickeln). Etwas anders ausgedrückt: Die evolutionären Vorteile für die Gemeinschaft sind beträchtlich, wenn man in der Lage ist, mit einem Freund zu "sympathisieren", der von einem Säbeltiger angegriffen wird. Mit tausenden Opfern einer Naturkatastrophe mitzufühlen ist dagegen viel weniger nützlich. Die "Natur" hat uns dazu gebracht, die Gefühle von anderen nachzuempfinden - aber nur bis zu einem gewissen Grad.
  Anmerkung der Editoren: Dieser Text wurde mit Genehmigung des Autors gekürzt. Den ganzen Artikel gibt es hier.
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Veröffentlicht in Gesellschaft

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