Ein europäischer Vermittler, um Belgien zu retten

Veröffentlicht auf von Ingmar Link

[caption id="attachment_12752" align="alignright" width="332" caption="Éric Van Rompuy"][/caption]

Der Vorfall ist zweitrangig, aber aufschlussreich was die Tiefe des Grabens betrifft, der nunmehr Flandern von der französischsprachigen Welt trennt.

Sonntags kommen im Fernsehsender RTBF [Radio Télévision Belge Francophone] bei der Sendung  "Mise au point" ein paar belgische Politiker zusammen um über die endlose Krise zu debattieren, in der sich das Land immer weiter verfängt. Außerdem ist  Philipe Geluck dabei.

Geluck ? Aber ja, ihr wisst, wer das ist und er ist nicht mal Franzose: Er ist der Erfinder des Comics Le Chat (der Kater).  Dieser französischsprachige Belgier, ein Brüsseler um genau zu sein, ist ein Star, der schon lange Erfolge feiert.

Unter den geladenen Politikern befand sich ein Christdemokrat, Éric Van Rompuy, der Bruder des anderen [Herman], ein flämischflämischsprachiger Brüsseler, ein waschechter, auch wenn er dem CD&V (Flämische Christdemokratische Partei) treu geblieben ist und natürlich der französischen Sprache sehr gut mächtig. Während der Diskussion geht Geluck auf die Teilung des Landes ein und schlägt vor, sollte es soweit kommen, die belgische Küste in zwei Hälften zu trennen, damit jeder sein Meer hat. Ein Witz natürlich, da die ganze Küste in Flandern liegt.

[caption id="attachment_12755" align="alignleft" width="324" caption="Der Kater von Geluck. "Das Praktische an Algen ist... dass man sie nicht gießen muss""][/caption]

Éric Van Rompuy gefällt das nicht, überhaupt nicht und er regt sich auf. Aber das ist nicht das interessanteste daran. Heute hat die Tageszeitung Le Soir ein Interview von Éric Van Rompuy veröffentlicht, in dem sein Aufreger erwähnt wird. Und da hat es mich echt vom Hocker gerissen: Er hat noch nie zuvor von Philippe Geluck und dem "Kater" gehört und nicht verstanden, dass er es mit einem belgischen Surrealisten zu tun hatte! Hätte er Hergé gekannt, wenn dieser im modernen Belgien geboren wäre? “Um ehrlich zu sein kannte ich Philippe Geluck überhaupt nicht”, gibt Van Rompuy zu. “Jetzt sehe ich, dass er ein Karikaturist und Essayist ist”…

Ich habe bereits zuvor bemerkt, dass man in Flandern immer weniger über die französischsprachige Welt weiss. Die Region schottet sich immer mehr vom Rest der Welt ab. Es wäre falsch zu glauben, dass Flandern eher Holland zugewandt ist, so wie Brüssel und Wallonien ein engeres Verhältnis zu Frankreich haben. Der Norden des Landes interessiert sich nur wenig für das, was außen passiert. Wahrscheinlich ist man zu sehr damit beschäftigt, eine gemeinsame Identität aufzubauen und sich gegen die französischsprachigen Belgier zu wehren. Letztere sind zwar in der Minderheit, doch in Flandern findet man trotzdem, dass sie sich zu sehr breitmachen.

Ein flämisches Mitglied der europäischen Kommission hat mich darauf hingewiesen, dass die Zeitungen seiner Region den niederländischen TV-Sendern nur sehr wenig Beachtung schenken, während die französischsprachigen Zeitungen die RTBF und französische Sender auf dieselbe Stufe stellen. Seiner Meinung nach ist das ein Zeichen dafür, wie sehr in Flandern die Neugierde für die Anderen fehlt.

Éric Van Rompuy, der sich nicht mal die Mühe gemacht hat, sich über die französischsprachigen Gäste der Sendung zu erkundigen, ist ein weiteres Beispiel für diesen Mangel an Verständnis zwischen Norden und Süden. Man versteht also, wieso die flämischen Parteien sich an ihren Klischees über den Süden festkrallen (faul, Diebe, unehrlich, korrupt, usw).

Andersherum interessieren sich die französischsprachigen Belgier auch immer weniger für den Norden, auch wenn es nicht ganz so schlimm ist. Das liegt auch daran, dass man Bescheid wissen muss, was sich im Norden abspielt, da die Flämen in diesem Land ganz klar die Oberhand haben.

Man versteht jetzt besser, wieso die beiden Parteien des Landes kein Regierungsabkommen mehr treffen können. Das sind zwei politische, kulturelle, mediale und mentale Räume, die nichts mehr miteinander verbindet,  bis auf einen geopolitischen Raum der vor langer Zeit geschaffen wurde. Fünfzig Jahre lang hat die Flämische Bewegung die Brücken zwischen Niederländischsprachigen und Französischsprachigen immer weiter zerstört und Éric Van Rompuy ist der lebende Beweis dafür.

Belgien befindet sich in einer schlimmen politischen Krise, die seit Juni 2007 andauert und nichts deutet darauf hin, dass das Land da nochmal rauskommt. Der Abscheu und die Skepsis haben ein derartiges Aussmass erreicht, dass jeder Kompromissversuch von vorne herein zum Scheitern verurteilt scheint. Nach dem Scheitern von Bart De Wever, dem Anführer der N-VA, ernannte der König letzte Woche einen “Schlichter” - Johan Vande Lanotte, ein flämischer Sozialist. Doch dies  ist nur eine weitere Episode in dieser unendlichen Agonie.

Die EU kann nicht länger so tun, als ob die belgische Krise, die nun ihren Höhepunkt erreicht hat, sie nichts anginge. Das Königreich beherbergt immerhin die EU-"Hauptstadt". Die Union muss sich des Problems annehmen und eine Schlichtung anbieten, so wie sie es bei anderen Grenzkonflikten getan hat. Man wird mit entgegnen, dass es sich beim belgischen Konflikt um ein inneres Problem der EU handelt. Dann ist es umso wichtiger, dass die EU sich für das interessiert, was zuhause passiert.

Warum sollte man keine europäische Vermittlung anbieten, indem man eine oder mehrere geachtete Figuren einbezieht, die keine historische, politische oder emotionale Verbindung mit der belgischen Krise haben? Dieser Person(en) würde(n) alle umstrittenen Fragen auf den Tisch bringen. Sie könnten eine Lösung anbieten, die von der Weiterführung des belgischen Königreichs mit einem neuartigen Föderalismus bis hin zu einer einfachen Trennung gehen würde. Die kühlköpfige Vermittlung ist meiner Meinung nach die einzige Lösung für diese permanente belgische Krise, die so oder so irgendwann auf der europäischen Tagesordnung stehen wird.
Werbung

Veröffentlicht in Frankreich

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post