Mitmenschen aufgewacht! Was macht Twitter nur aus uns?
[caption id="attachment_4763" align="alignright" width="360" caption="Der Replikant Roy gespielt von Rutger Hauer in Blade Runner"]
[/caption]"Durch das Leben weit ab von der Wirklichkeit können wir vielleicht eines Tages den Menschen im wirklichen Leben sagen: Ich habe so vieles gesehen, das Ihr, menschliche Wesen, die Ihr seid, niemals werdet sehen können"... Diese Woche habe ich diesen persönlichen Gedanken, der durch die Abschlussszene von Blade Runner inspiriert wurde, zweimal via Twitter veröffentlicht. Und das hat zum Schreiben dieses Eintrags geführt: "Ich liebe es, mich in geräuschvollem Zwitschern zu wiederholen und Philip K. Dick in der unübersichtlichen Twittersphäre zu predigen".
Predigen ? Ja, warum nicht. Denn, liebe Mitmenschen, ich frage mich mehr und mehr: Was macht Twitter da gerade aus uns? Vielleicht digitale "Replikanten", nun ja, es könnte schon sein … Wie ein Seher, der eines unserer möglichen Zukunftsszenarien in seinen Alternativweltgeschichten umschreibt, hat es der geniale Philip K. Dick in "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" (einem großartigen Science-Fiction-Roman, der die Grundlage für Blade Runner von Ridley Scott darstellt) vorausgesagt. Eines Tages wird es uns ohne Zweifel unmöglich sein, Menschen von Maschinen, also wirkliche Wesen von ihren künstlichen Kopien, zu unterschieden.
Vielleicht ist dieser Tag schon da, jetzt im Jahr 2010: dem Jahr, in dem das Internet uns in Echtzeit überall folgt, auf all unseren Bildschirmen und uns zu ständig angeschlossenen Mutanten macht. Ich öffne meine Augen, die wegen all der Nächte online müde sind und ich glaube, dass wir verrückte Anhänger des "sozialen" Netzwerks Twitter sind und vielleicht dabei sind, uns selbst mit unseren Avatars zu verwechseln, also unseren digitalen Identitäten in jener parallelen Welt. Twitter nimmt einen ständig größer werdenden Platz in unseren Leben ein, bis wir nicht mehr am reellen Leben teilnehmen und nicht mehr wir selbst sind. Passt auf, passt ganz gut auf, Ihr, die Ihr durch die Flut der Worte, Informationen, Gedanken und Emotionen, die über unsere Touchscreens laufen, hypnotisiert seid.
Das einzige, was uns ständig verfolgt, ist: Was passiert jetzt dort in der "Twittersphäre"? Was wird erzählt, welche ist die Story, das LOL des Tages? Wird was ich schreibe weitergeleitet? Aufgenommen Dank des Blogs, des neuen Links oder Dank des Witzes? Habe ich DMs erhalten, jene privaten Nachrichten, die wir als Twitterabhängige austauschen? Mist, ich muss noch 6 Stunden der Timeline durchgehen, um sicher zu sein, dass ich nicht irgendwas verpasst habe…
Wir gehen die Straße entlang oder nehmen die U-Bahn ohne die anderen Menschen überhaupt wahrzunehmen; zu Hause sehen wir mit der Familie Filme an, ohne wirklich da zu sein, mit abwesender Mine oder den Augen auf unserem iPhone; wir reden weniger mit den Menschen, die uns noch wirklich lieben, die direkt neben uns stehen, um Freundschaften mit Fremden zu schließen und sogar Fremden Liebe entgegen zu bringen und sie sehr nah an uns heranlassen. Im Büro sind unsere wirklichen Kollegen nicht um uns herum, im Offenen Raum, sondern auf der Twitter-Oberfläche, die an unseren Arbeitsplätzen ständig sichtbar ist…
Ich habe in folgendem Interview über meine, bzw. unsere Abhängigkeit geschrieben : "Twitter ist eine harte Droge für Journalisten" und dann auch in diesem Blog "Ein Tweet-Journalist sein oder nicht sein" . Aber vor sechs Monaten, einem Jahr, eine Ewigkeit auf der Skala unserer Mikroblogging-Welt, sah ich die zwanghafte Verwendung der 140-Zeichen-Nachrichten einzig und allein als Berufswerkzeug an. Ich hätte niemals geglaubt, dass ich bis zu diesem Punkt in die virtuelle Vorhölle der "Twitter-Realität" fortschreiten würde.
Am frühen Morgen, wenn der Kaffee noch durchläuft, schalte ich meinen Computer an und Euer Gezwitscher empfängt mich. Ich sage "Guten Morgen Twitterland" und fange an, meine Presseauswertung und meine Links zu tweeten — und zu erfahren, woraus mein Journalistentag bestehen wird. Aber das wichtigste, das beruhigendste ist, dass Ihr alle da seid, wie jeden Morgen. Ihr, die ewigen, die Ihr nie müde werdet und weiter macht, die Mitstreiter, die "LOLer", die Nachtvögel und diejenigen, die ständig auf Streife durchs Web sind. Ich liebe es, Eure 140 Zeichen langen Gedanken zu lesen, Eure Worte, die an alle gerichtet sind, jene Fragmente von Erfahrung und Menschlichkeit, sie begleiten mich Tag und Nacht ... aber sie halten mich auch vom wirklichen Leben fern. Auch wenn man sich manchmal im wirklichen Leben trifft. Auch wenn diese Begegnungen manchmal richtige Freundschaften oder berufliche Zusammenarbeit ermöglichen.
Nun, ich versuche regelmäßig - ohne großen Erfolg - mich abzuseilen. "Twitter ist wie Crack, und das ängstigt mich" schrieb ein Blogger der New York Times. Es ist die reine Wahrheit. Ihr, die Twitterabhängigen, Ihr habt alle den Stoff dieser ständigen Realtime-Verbindung gekostet und angenommen … Und vor allem: Warum sollte man dieser einzigartigen virtuellen Erfahrung widerstehen? Es ist faszinierend, eine andere Wirklichkeit aufzubauen, eine Parallelwelt, die paradoxerweise mit dem wirklichen Leben verbunden ist, wo man das aktuelle Geschehen, die kleinen und großen Geschichten, von außen betrachtet. Und genau darauf wurde ich letztes Mal über Twitter hingewiesen: "Aber das ist der Grund warum ich unter einem Pseudonym schreibe, er ist real, ich bin es nicht! Das was ich hier gesagt habe ist somit Wirklichkeit".
Wo findet das wirkliche Leben statt? Irréelle et IRL (ein Wortspiel auf Französisch, denn die beiden Begriffe "irreal und IRL, also im wirklichen Leben" spricht man fast gleich aus, AdE)… Die beiden Wirklichkeiten verschwimmen ineinander und sind immer schwerer auseinanderzuhalten. Es könnte sein, dass wir transhumane Wesen sind und gerade mit dem Netz unserer digitalen Preudopodien verschmelzen — Smartphones, Tablets und andere Laptops — sie werden hier zu Erweiterung von uns selbst. Und wenn Philip K. Dick das bereits vor 40 Jahren voraussagte, so beschreibt ein anderer, Michel Houellebecq, das was ich in "La Carte et le Territoire" gelesen habe, nämlich die klinische und affektlose Konstante unserer Zeit: "Während die unwichtigsten Tierarten tausende, teilweise Millionen von Jahren bis zum Aussterben benötigen, brauchen die von Menschen hergestellten Produkte nur ein paar Tage dafür. Auch wir sind mit Alterung behaftet".
Vielleicht sind wir einfach nur dabei zu mutieren, um die große digitale Revolution zu begleiten. Um nicht zu überaltern. Um zu überleben. Ohne Maschinen zu werden, noch dabei unsere Menschlichkeit zu verlieren. Auf dieselbe Art und Weise wie Roy, der Replikant Nexus von Blade Runner, verzweifelt versucht hat Mensch zu werden, versuchen wir über Twitter und ähnliches eine intuitive neuronale und fast biologische Verbindung mit dem Internet aufzubauen. Dieser lebende Organismus, zu dem das World Wide Web gerade wird, verwandelt die Welt in ein globales digitales Dorf, in dem es digitale Inhalte ständig fließend über ein riesiges Adernetz aus Kupfer und Glasfasern verteilt, so als ob es ein schlagendes Herz hätte... (Achtung Eigenplagiat ;-)
Und um diesen etwas halluzinierenden Blogeintrag abzuschließen, kann ich nicht widerstehen, Euch die Abschlussszene von Blade Runner anzubieten. Roy, der Replikant, der ein Mensch sein wollte: "Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion..."
AdE: Anmerkung des Editors.
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