Ein Blogger trifft die Landfahrer Frankreichs

Veröffentlicht auf von Ingmar Link

Man liest und hört soviel hier und da, Meinungen, Stellungnahmen bezüglich der Maßnahmen von Brice Hortefeux gegenüber den Roma und den Landfahrern, daher habe ich einen Karavan-Stellplatz besucht, der sich zufällig in meinem Kanton befindet. Dort wollte ich die Leute zu treffen, die in das Visier einer Regierung geraten sind, welche die Ideen vom Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen umsetzt. Als ich den Bereich betrete, der ihnen zugewiesen wurde, kommen Kinden auf Fahrrädern voller Freude an und empfangen mich mit einem schönen breiten Lächeln und einem Bonjour. Ich richte mich an die Größte der Gruppe: -Ich würde gerne den Chef des Camps treffen -Mama, da will ein Gadscho1 den Chef sehen Eine junge Frau kommt aus einem Wohnwagen und ich erkläre ihr, wieso ich hier bin. Sie würde das Reden lieber den Männern überlassen, dann aber kommt Linda und ich frage sie, ob wir über die Situation der Landfahrer und über die derzeitige Sicherheitspolitik2 reden können. Sie ist einverstanden. Was halten Sie von den Aktionen der Regierung gegenüber den Landfahrern? Die Politiker treffen Entscheidungen uns gegenüber, als ob wir Wilde seien. Wir sind Franzosen wie viele Sesshafte hier. Der einzige Unterschied ist, dass wir in Wohnwägen wohnen. Wenn ein Landfahrer eine Straftat begeht, wird unsere ganze Gemeinschaft angeklagt. Wenn ein Sesshafter eine Staftat begeht, werden nicht alle Sesshaften ins Visier genommen, wieso werden wir anders behandelt? Wir sind seit 600 Jahren Franzosen, viele unter uns sind Angestellte in Unternehmen, wir zahlen Steuern, unsere Kinder gehen zur Schule. Was halten Sie von der Lage der Roma, die heute in Frankreich leben? Für die Roma ist es noch schlimmer als für uns und ganz ehrlich, ich leide mit ihnen mit. Wenn sie jetzt in Frankreich sind, ist das doch nur weil sie zuhause zehnmal mehr Ungerechtigkeiten ausgesetzt sind, als in Frankreich. In Frankreich können sie ein besseres Leben führen und jetzt, wo der Staat sie abschieben wird, erwartet sie noch mehr Elend. Eine etwas ältere Frau gesellt sich zu uns und sagt mir, dass ihre Eltern während des zweiten Weltkriegs in das "Zigeunerlager" von Montreuil Bellay deportiert worden waren. Als ich mir die Gedenkseite dieses Lagers anschaue, lese ich erschütternde Zeugnisse, unter anderem von MARCEL CATROU, ein Gendarm, im Winter 1942 : "Ich erinnere mich an ihren Hunger. Manche sagten immer wieder « Wir werden draufgehen, Herr Gendarm, wir werden krepieren! ». Das waren ihre Worte. Sie sammelten Gras zusammen und Gemüseabfälle. Eines Tages hat einer einen Igel gefangen. Er war überglücklich." Die Unterhaltung mit Linda geht weiter und sie sagt mir, dass sie "niemals einen Wohnwagen gegen ein Haus tauschen würde. Wir wollen nur Orte mit Duschen, Toiletten, einem Wasserhahn und Strom". Haben sich die Beziehungen zur der Bevölkerung verändert, seit den Aussagen von Hortefeux ? Was die Politiker sagen beeinflusst alle. Wenn wir jetzt irgendwo ankommen, fragen uns die Gendarmen welche Staatsangehörigkeit wir haben. Einmal hat ein Gendarm mein Mann und meine Kinder mit seiner Waffe ins Visier genommen, weil mein Mann - zusammen mit vielen Sesshaften - dabei war, Sperrmüll auf einer Deponie zusammen zu suchen. Ein Tourist hat es gewagt, dem Gendarm zu sagen, dass er sein Verhalten skandalös fand. Da hat er seine Waffe wieder eingesteckt. Ich wusste gar nicht, dass die Landfahrer in einem sogenannten Verkehrverzeichnis Buch führen müssen. Wenn dieses Dokument nicht alle 3 oder 6 Monate von der Gendarmerie unterzeichnet wird, gibt es einen Strafzettel von 1500 Euro, der von den zuständigen Behörden ausgestellt wird. Jean-Pierre hat am Ende der Unterhaltung noch folgendes Fazit gezogen: "Dies sind die letzten Jahre für die Landfahrer. Wir gehen in Richtung einer Einschränkung der Freiheiten. Sie wollen alles kontrollieren...Hier in dieser Ecke der Bretagne können wir uns nicht beklagen - wenn wir irgendwo ankommen, werden wir gut empfangen. Aber anderswo?" Alles war gesagt worden oder fast alles, oder noch nicht genug, aber das ist dann für später oder für nie. In den Augen dieser Leute konnte ich Angst erkennen, Angst was aus ihren Kindern werden würde, die trotz ihrer Unbekümmertheit den Worten der Älteren lauschten. Der Gadscho hat sich von allen verabschiedet und an den Satz von Nicolas Sarkozy gedacht: "Ich werde der Präsident aller Franzosen sein". Er hat an den Präsidenten gedacht, der die "Rupture", den Umbruch versprochen hatte. Den Umbruch kann man in der Tat spüren. Vielen Dank an alle, die ich heute kennenlernen durfte, Kopf hoch und alles Gute!
  Anmerkung der Editoren: 1Dieser Begriff bezeichnet die Nicht-Roma oder die Sesshaften 2 Im Sommer kündigte Präsident Sarkozy den Entzug der französischen Staatsangehörigkeit für gewisse Straftäter ausländischer Herkunft an. Unter anderem sollte diese Maßnahme bei Fällen von Polygamie möglich sein. Sarkozy hat ebenfalls Roma-Massenabschiebungen verordnet.
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Veröffentlicht in Frankreich

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