Flaubert, die Bohémiens und der Hass der Bürger

Veröffentlicht auf von Sabine Cretella

Vor acht Tagen hat mich ein Zigeunerlager in Rouen in reines Entzücken versetzt. Es ist das dritte Mal, dass ich sie sehe und jedes Mal gefallen sie mir aufs Neue. Das Unglaubliche ist, dass sie den Hass der Bürger erwecken, obwohl sie so harmlos wie Lämmer sind. Die Menge hat es überhaupt nicht gern gesehen, als ich ihnen ein paar Groschen gegeben habe. Und ich habe nette Worte, auf Prudhomme-Art, gehört. Dieser Hass kommt von etwas viel tieferem und komplexerem. Man findet ihn bei allen ehrbaren Personen. Es handelt sich um eben den Hass, der gegen Beduinen, Ketzer, Philosophen, Einzelgänger und Poeten entsteht. Und er ist auf Furcht begründet. Ich, der ich immer für Minderheiten bin, bin darüber empört.
Es ist wahr, dass es viele Sachen gibt, über die ich empört bin.
Am dem Tag, an welchem ich nicht mehr empört sein werde, falle ich zu Boden, wie eine Puppe, deren Stütze weggenommen wurde.


Gustave Flaubert, Brief an George Sand. Croisset, Mittwoch abend, 12. Juni 1867 ( in Flaubert Correspondance. Pléiade. Band 3)

[caption id="attachment_3538" align="alignnone" width="420" caption="Foto der Bloggerin, Valentina Perniciaro. Ein Flüchtingslager im Libanon"][/caption]


Anmerkung der Übersetzerin:

Der italienische Text weicht leicht vom französischen Original ab, so wie das bei literarischen Übersetzungen oft der Fall ist. Die Bloggerin möchte mit jenen Worten etwas besonderes in ihrer Sprache ausdrücken. Deshalb bin ich bei der Übersetzung nur vom italienischen Text ausgegangen.

Die komplette Briefsammlung, in der auch dieser Abschnitt zu finden ist, wurde bereits von Else von Hollander übersetzt. Sie ist bereits gemeinfrei und kann aus dem Internetarchiv heruntergeladen werden.
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