Irak: wem die Stunde schlägt

Veröffentlicht auf von Ingmar Link

[caption id="attachment_544" align="alignright" width="300" caption="Foto: Karim Kadim / AP"][/caption] Historische Nachforschung ist ein konstanter Versuch, Schätzungen zu korrigieren, damit sie der Wahrheit näher kommen. Dennoch kommen wir jetzt so nah wie nie zuvor an die ungefähre Zahl derer ran, die im Irak wegen der USA-geführten Invasion von 2003 gestorben sind. Dies ist ein Thema, über das ich bereits sehr oft geschrieben habe, aber es lohnt sich, die Hauptpunkte nochmal zu überarbeiten. 1. Ich habe schon oft die amerikanischen und britischen Verantwortlichen kritisiert, die sich mit diesem Thema nicht auseinandersetzen wollen. Das zeugt von mangelndem Respekt gegenüber dem Verlust irakischer Leben. Außerdem hat es zur Folge, dass auch in seriösen Medien abwegige Fehlschätzungen Glaubwürdigkeit erlangen. 2. Meiner Meinung nach sind viel zu viele Menschen ums Leben gekommen. Die Opferzahlen spiegeln ein fürchterliches Versagen wider - nicht etwa wegen der Entscheidung, diesen Krieg zu führen, sondern wegen der fehlenden Planung für die Zeit nach dem Einmarsch. Ich bin nicht mit den Gegnern der Invasion einverstanden, doch die 100 000-150 000 Toten sollten ihnen genügen, um ihren Standpunkt zu verteidigen, ohne den Blutzoll um einen Faktor 10 zu erhöhen. Zwei neue Studien des Professors Michael Spagat vom Department of Economics des Royal Holloway College haben die überzogenen Schätzungen von zwei bekannten Erfassungen ins Licht gestellt. Die erste ist ein Artikel im Defence and Peace Economics mit dem Titel "Ethik- und Konsistenzprobleme in der zweiten Lancet Erfassung zur Mortalität im Irak". Die Lancet Studie spricht von einer  "gesteigerten Mortalität" von 601 000 in den letzten drei Jahren nach der Invasion. Spagat zieht das Fazit:
Dieser Artikel beschäftigt sich mit der zweiten Lancet Erfassung zur Todesrate im Irak, die im Oktober 2006 veröffentlicht wurde. Er enthält Beweise dafür, dass im Rahmen der Umfrage ethische Verstösse stattfanden, darunter Gefährdung, Verletzung der Privatsphäre und Rechteverletzungen bei der Einverständniserklärung. Minimalstandards wurden nicht eingehalten. Insbesondere wurde keine Auskunft gegeben über Erfassungs-Fragebögen, Eingabeformular und Stichprobenverfahren, sowie über Daten, welche die Zuordnung von anonymisierten Identitätscodes zu Haushalten ermöglichen. Der Artikel enthält ebenfalls Beweise bezüglich Datenerzeugung und -fälschung, was insgesamt neun breite Kategorien betrifft. Diese Beweise deuten darauf hin, dass die Erfassung nicht als zuverlässiger Beitrag zur Ermittlung der Mortalität im Irak seit 2003 gelten kann.
Spagat’s zweiter Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Joshua Dougherty und wurde in Survey Research Methods veröffentlicht. Der Text befasst sich mit der noch schwächeren Grundlage einer Opinion Research Business Erfassung, die einen Blutzoll von einer Million veranschlagt.
Wir vergleichen drei ORB Umfragen und finden beträchtliche methodologische Fehler in ORBs Errechnung der Mortalitätsdaten für vier zentrale Gouvernements Iraks, die mehr als 80 % der geschätzten Toten darstellen. Diese internen Überprüfungen deuten darauf hin, dass die ORB-Mortalitätsdaten nicht glaubwürdig sind und dass die tatsächliche Sterberate deutlich tiefer liegt. Wir haben ebenfalls eine Anzahl an spezifischen Fehlerquellen in der Umfrage entdeckt. Systematische Fehler, darunter non-coverage* und Messfehler, deuten auf Überschätzungen hin. Es gab auch beträchtliche Variablenfehler, doch diese sind schwer zu quantifizieren, zum Teil weil methodologische Details nur unvollständig von der ORB mitgeteilt wurden. Externe Gültigkeitschecks sowie Vergleiche mit zwei größeren und qualitativ besseren Umfragen untermauern das Fazit, dass die ORB die Zahl der Getöteten im Irak deutlich überschätzt hat.
(Ein PDF mit Stellungnahmen von Johnny Heald, Director von ORB, und Spagat und Dougherty kann hier runtergeladen werden.) Glücklicherweise haben nur wenige seriöse Medienorganisationen die ORB Schätzung ernstgenommen, leider wird sie jedoch weiträumig von Miesepetern und Ignoranten wiedergegeben.
  *Anmerkung der Editoren:
Non-coverage: Nicht-Befragung mancher Personen, die zu der Stichprobe gehören sollten
Werbung

Veröffentlicht in Konflikte

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post