Italien: Offener Brief an Berlusconi über "die schönen Albanerinnen"
[caption id="attachment_2461" align="alignright" width="200" caption="Auf dem Foto: Elisa. Nach der Veröffentlichung des Briefs wurde dieses Bild in der italienischen Blogosphäre aufgegriffen. "]
[/caption]“Sehr geehrter Ministerpräsident, ich schreibe Ihnen in einer Zeitung, die Sie zwar nicht lesen, in der ich aber dennoch die Gelegenheit ergreife, Sie Ihres ungezwungenen Humors wegen zur Rede zu stellen. Dieser hat mir sehr nahe stehende Menschen tief verletzt: “die schönen albanischen Mädchen”, erinnern Sie sich? Der Premierminister meines Heimatlandes, Sali Berisha, hat seine Regierung auf den Kampf gegen die Schleuser eingeschworen, doch Sie bemerkten: "Wer schöne Mädchen in unser Land bringt, für den kann man eine Ausnahme machen.”
Ich habe einige dieser “schönen Mädchen” getroffen, Dutzende davon, am Tag und in der Nacht, versteckt vor ihren Zuhältern, bin ich ihnen von Garbagnate Milanese bis nach Sizilien gefolgt. Sie haben mir Episoden aus ihren vergewaltigten, gewürgten, zerstörten Leben anvertraut. “Stella” etwa hatten ihre Herren auf den Bauch ein einziges Wort eingeritzt: Nutte. Dabei hatte dieses schöne Mädchen, das in Albanien entführt und nach Italien geschleust worden war, nur einen einzigen Mangel: Es wollte partout nicht auf den Strich gehen. Nach Monaten kollektiver Vergewaltigung vonseiten ihrer albanischen Zuhälter und deren italienischen Geschäftspartnern musste sie schließlich nachgeben. So lernte sie den Strich des Piemont, den von Lazio, von Ligurien und wer weiß wie viele andere noch kennen. Und erst jetzt - drei Jahre später- ritzten sie ihr den Namen ihres Berufes auf den Bauch. Einfach so, aus Lust und Laune.
Früher war sie ein schönes Mädchen, das könnt ihr mir glauben. Heute ist sie nur noch ein Wegwerfprodukt der Gesellschaft, niemand wird sich mehr in sie verlieben, sie wird nie Mutter oder Großmutter werden. Diese Nutte auf dem Bauch hat ihr jeden Hoffnungsfunken und jedes Vertrauen in die Menschheit geraubt. Die Gewalttätigkeiten ihrer Kunden und Zubringer haben ihre Gebärmutter zerstört.
Über die “schönen Mädchen” habe ich einen Roman verfasst, der in Italien unter dem Titel “Sole bruciato” [Verbrannte Sonne] erschienen ist. Jahre später drehte ich einen Dokumentarfilm für das Schweizer Fernsehen: Ich machte mich auf die Suche nach einem schönen Mädchen, sie hieß Brunilda, ihr Vater hatte mich unter Tränen gebeten, etwas über ihren Verbleib herauszufinden. Er war ein Vater wie viele andere albanische Väter, deren Töchter verschwunden waren - vergewaltigt, verstümmelt und mit dem Kopf nach unten in Fleischereien aufgehängt, wenn sie gewagt hatten, aufzubegehren. Noch heute will der Vater von Brunilda nicht begreifen, dass seine Tochter für immer von uns gegangen ist, im Meer ertrunken oder irgendwo am Stadtrand umgebracht. Er hofft weiter, hofft auf ein Wunder. Es ist eine lange Geschichte, Herr Ministerpräsident... Aber wenn ich nur bei Ihnen Gehör fände, würde ich Ihnen ein Exemplar meines Buches senden oder Ihnen den Dokumentarfilm schicken oder mich einmal mit Ihnen unterhalten. Aber ich warne Sie, Herr Ministerpräsident: Ich antworte auf Witze, ich nehme sie nicht nur einfach hin.
Allen Stellas, Biancas, Brunildas und ihren Familien schuldete ich diese wenigen Zeilen. In diesen zwanzig Jahren seines schwierigen Übergangs hat Albanien sich viel Leid und Verletzungen selbst beigebracht, aber im albanischen Volk wächst das Begehren, endlich wieder aufrecht und erhobenen Hauptes gehen zu können. Albanien hat weder Verständnis noch Geduld, sich unnütze Erniedrigungen anzuhören. Wenn Sie aufhören würden, menschliches Leid als Material für Ihre dreckigen Kneipenwitze zu später Stunde anzusehen, könnten Sie meiner Meinung nach nur dabei gewinnen.
Merid Elvira Dones Auf dem Foto: Elisa
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