Kerviel-Prozess in Frankreich: die Frage, die niemand stellt
[caption id="attachment_1005" align="alignright" width="200" caption="Foto: Damien Roué - Phototrend.fr / Creative Commons Lizenz"]
[/caption] Was haben wir bisher beim Prozess gegen Jérôme Kerviel zu den großen Fragen erfahren? Wußten zum Beispiel seine Vorgesetzten mehr über die Transaktionen, als sie vorgeben? Eine weitere Frage, auf die wir gerne eine Antwort hätten: Ist die Eingabe von fiktiven Buchungen in das Reporting System, um Positionen zu verstecken – wie Kerviel es getan hat – gängige Praxis in der Welt der Finanzhändler? Die Antworten auf diese Fragen lassen mich in Wahrheit kalt. Kommt das daher, dass ich früher selbst ein Trader war? Ich weiß es nicht. Was mich jedoch neugierig macht, ist warum während der zwei Wochen Anhörungen niemand die meiner Meinung nach einzig wahre Frage gestellt hat, eine Frage die ich als "Lord Adair Turner"-Frage bezeichnen würde. Das ist der Name des Präsidenten der britischen Finanzmarktaufsichtsbehörde FSA, der sich vor einiger Zeit fragte, ob das gesamte Finanzsystem vom sozialen Standpunkt gesehen nützlich sei. Meine Frage, die scheinbar niemanden außer mich interessiert, ist folgende: "Was Kerviel für seine Bank tat, wem hat das genutzt?" Denn sich derart in einen "lange" Position zu begeben, dabei zu hoffen, daß der Preis steigt, oder in eine "kurze", und dabei zu hoffen, dass der Preis sinkt und das Ganze mit "wichtigen Summen" zu tun, was bringt das? Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Kerviel ist im Namen der Société Générale eine Wette eingegangen, die – seien wir bescheiden – eine Million Euro einbringen kann. Und sagen wir, immer noch um es einfach zu halten, sein Kontrahent – der die Wette andersherum macht – sei die Bank BNP Paribas. Sagen wir mal, dass diesmal er gewinnt: Die Société Générale hat eine Million Euro gewonnen und die BNP hat eine Million verloren. Bringt das irgendetwas? Ja, es erhöht die Dividende und den Bonus in der Bank, die gewonnen hat und es senkt diese bei der Bank, die verloren hat. Und was ist mit uns? Uns ist das egal. Außer… Außer eine der beiden Banken gewinnt immer und die andere verliert immer. Dann nämlich gehen wir als Steuerzahler hin und retten mit unserem Geld die Bank, die verloren hat und die natürlich "zu groß ist, um zu scheitern" – Too big to fail. Anders gesagt - alles, was die kleinen Kerviels dieser Welt und ihre Arbeitgeber, die Banken, vornehmen, dient nur einem Zweck : System-Risiken zu schaffen. Ist das Ganze nun wirklich "sozial nützlich" ?
Dieser Artikel ist eine vom Autor für E-Blogs neu geschriebene und gekürzte Version. Die komplette Version gibt es hier zu lesen: http://www.pauljorion.com/blog/?p=13141
[/caption] Was haben wir bisher beim Prozess gegen Jérôme Kerviel zu den großen Fragen erfahren? Wußten zum Beispiel seine Vorgesetzten mehr über die Transaktionen, als sie vorgeben? Eine weitere Frage, auf die wir gerne eine Antwort hätten: Ist die Eingabe von fiktiven Buchungen in das Reporting System, um Positionen zu verstecken – wie Kerviel es getan hat – gängige Praxis in der Welt der Finanzhändler? Die Antworten auf diese Fragen lassen mich in Wahrheit kalt. Kommt das daher, dass ich früher selbst ein Trader war? Ich weiß es nicht. Was mich jedoch neugierig macht, ist warum während der zwei Wochen Anhörungen niemand die meiner Meinung nach einzig wahre Frage gestellt hat, eine Frage die ich als "Lord Adair Turner"-Frage bezeichnen würde. Das ist der Name des Präsidenten der britischen Finanzmarktaufsichtsbehörde FSA, der sich vor einiger Zeit fragte, ob das gesamte Finanzsystem vom sozialen Standpunkt gesehen nützlich sei. Meine Frage, die scheinbar niemanden außer mich interessiert, ist folgende: "Was Kerviel für seine Bank tat, wem hat das genutzt?" Denn sich derart in einen "lange" Position zu begeben, dabei zu hoffen, daß der Preis steigt, oder in eine "kurze", und dabei zu hoffen, dass der Preis sinkt und das Ganze mit "wichtigen Summen" zu tun, was bringt das? Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Kerviel ist im Namen der Société Générale eine Wette eingegangen, die – seien wir bescheiden – eine Million Euro einbringen kann. Und sagen wir, immer noch um es einfach zu halten, sein Kontrahent – der die Wette andersherum macht – sei die Bank BNP Paribas. Sagen wir mal, dass diesmal er gewinnt: Die Société Générale hat eine Million Euro gewonnen und die BNP hat eine Million verloren. Bringt das irgendetwas? Ja, es erhöht die Dividende und den Bonus in der Bank, die gewonnen hat und es senkt diese bei der Bank, die verloren hat. Und was ist mit uns? Uns ist das egal. Außer… Außer eine der beiden Banken gewinnt immer und die andere verliert immer. Dann nämlich gehen wir als Steuerzahler hin und retten mit unserem Geld die Bank, die verloren hat und die natürlich "zu groß ist, um zu scheitern" – Too big to fail. Anders gesagt - alles, was die kleinen Kerviels dieser Welt und ihre Arbeitgeber, die Banken, vornehmen, dient nur einem Zweck : System-Risiken zu schaffen. Ist das Ganze nun wirklich "sozial nützlich" ?Dieser Artikel ist eine vom Autor für E-Blogs neu geschriebene und gekürzte Version. Die komplette Version gibt es hier zu lesen: http://www.pauljorion.com/blog/?p=13141
Werbung