Minderheiten: Wer muss sich an wen anpassen?

Veröffentlicht auf von Ingmar Link



[caption id="attachment_2059" align="alignleft" width="358" caption="Foto: Rachid Lamzah (cc)"][/caption]

Unter Einheimischen gilt üblicherweise die Ansicht, dass die Einwanderer sich integrieren müssen, dass sie ihre Gepflogenheiten ändern, die Sprache lernen und sich an das merkwürdige Essen anpassen sollen. Sie würden schließlich nur eine Minderheit der Bevölkerung darstellen und sollten daher keine Veränderungen fordern, um Ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

Das ist oft leichter gesagt als getan. Eine andere Sprache zu lernen braucht Zeit, seinen Kleiderstil zu ändern ist erstmal komisch und es ist sicherlich sehr schwer, die Essgewohnheiten aus seiner Jugend umzustellen.

Als ich das erste Mal nach Frankreich kam, war der einzige Ort, an dem man englisches Essen fand, ein Stand auf einem Markt, der einmal in der Woche stattfand. Der Händler war immer spät dran, sein leerer Stand zeugte von der großen englischen Nachfrage. Wenn er denn kam, stürzte sich eine ausgehungerte Truppe auf den Stand, grabschte nach englischen Senfgläsern, eine Rarität in einem Land, in dem es mehrere Dutzend verschiedene Senfsorten gibt; Cheddar in einem Land, in dem es für jeden Tag im Monat eine Käsesorte gibt. Und das alles für total überhöhte Preise.

Der Marktstand wurde irgendwann von Läden abgelöst, die in Städten gegründet wurden, in denen viele Engländer wohnten, Läden in denen ein unvorsichtiges "monsieur/dame, bonjour" mit einem strengen "Good Morning" beantwortet wurde, nur um zu zeigen, dass der französische Irrsinn hier keinen Platz hatte. Die Regale wurden mit Atora Rindernierenfett bestückt, das natürlich viel besser schmeckt als frisches Rindernierenfett, für das man sich an einem französischen boucher wenden müsste; Mother’s Pride Weißbrot und Bisto Soßengranulat….

Schließlich haben die Supermärkte Regale für englische Produkte eingerichtet, erst nur ein Regal, dann komplette Reihen. Jetzt werden die Regale sogar mit französischen und englischen Schildern versehen, damit man ja nicht verwechselt, was Tee und was Kaffee ist. Sogar die Werbung ist auf Englisch und Französisch. Die Franzosen denken sicherlich genauso negativ darüber wie die Engländer über die polnischen Staßenschilder*.

Es spielen natürlich wirtschaftliche Gründe eine Rolle. Der Markt richtet sich nach der größtmöglichen Kundenanzahl. Was geschieht, wenn eine Zielgruppe immer größer wird, sogar größer als die einheimische? Das haben sie nun in Flushing, New York festgestellt.

Die einheimische Bevölkerung von Flushing besteht vor allem aus älteren Single Haushalten. Die essen nicht viel. Hier mal ein Stück Huhn, da mal ein Meat Pie. Das hat nicht mehr ausgereicht, um den Supermarkt am Laufen zu halten. Jeder andere Laden wird von Asiaten geführt.

Die asiatischen Ladenbesitzer zielen auf die Bevölkerung von Flushing ab, die gerade dabei ist, Englisch zu lernen und die nicht das Essen aus ihrer Jugend aufgeben will. Sie mögen nun mal Nudeln und Bok Choy. Für sie ist das Einkaufen leichter, wenn die Beschreibungen auf Chinesisch sind. Die Ladenbesitzer tun ihnen den Gefallen.
Lebensmittelläden sind nicht die einzige Spannungsquelle. Die Einheimischen beschweren sich ebenso über chinesische und koreanische Schilder bei Geschäften wie Apotheken und privaten Transportmitteln. Die Schilder werden nicht ins Englische übersetzt, die Einheimischen wissen als nicht ob etwas runtergesetzt ist oder ob der Bus in ihre Richtung fährt.

Jetzt haben Offizielle dafür gesorgt, dass die Ladenbesitzer Schilder aufhängen müssen, die auf Englisch die Ware beschreiben, außerdem sollen mehr traditionell amerikanische Vorräte für ältere Menschen verfügbar sein, die nicht anderswo hinfahren können und die nicht online einkaufen.

In Großbritannien hätte es sicherlich einen Aufschrei gegeben, wenn die Offiziellen so eingeschritten wären und private Unternehmen gezwungen hätten, Schilder in Punjabi zu übersetzen oder gewisse Lebensmittel auf Befehl vorrätig zu halten.

Wird es einen Aufschrei geben, wenn es nötig wird eine Minderheit zu schützen, wenn diese Minderheit englisch oder französisch Mehrheit ist?

Heißt Integration, dass die Minderheit sich der Mehrheit anpassen muss oder geht es nur darum, "wer als erster da war"?

Anmerkung der Editoren:
*Vor ein paar Jahren sorgten im Vereinigten Königreich Straßenschilder auf Polnisch für Schlagzeilen. Die Schilder wurden u.a. in London angebracht, und wurden von manchen als "völlig übertriebene politische Korrektheit" kritisiert.
Werbung

Veröffentlicht in Gesellschaft

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post