Pädophilie und weibliche Priester: Sankt Franz von Sales, helft uns!

Veröffentlicht auf von Ingmar Link

Lieber Sankt Franz,

Ich suchte jemandem dem ich schreiben konnte, aber ich gebe zu, dass ich mich noch nicht auf den Adressaten festgelegt hatte. Ich suchte jemanden, der sich Gedanken zum Thema Kommunikation macht. Manche finden diese Fragen ja sekundär. Sie sollten auch nicht zu wichtig sein. Aber auch wenn sie nicht gravierend sind, sollte man sie nicht vernachlässigen.

"Das Reich Gottes" kann mit einem Senfkorn verglichen werden, mit einem Netz das man wirft, mit einem Mann, der gutes Korn auf seinem Feld gesät hat, mit Hefe, die eine Frau in Mehl verarbeitet, mit einem Händler, der feine Perlen sucht, mit einer Frau, die einen vollen Topf Mehl trägt… Da es sich um einen offenen Brief handelt, möchte ich das nochmal verdeutlichen: Christus war zwar alles auf einmal, "Weg, Wahrheit, Leben", er legte aber auch besonders viel Wert darauf, verstanden zu werden, er nutze Bilder und Gleichnisse. Er hätte auch sagen können, ich bin die Wahrheit, ich mache mir ein einfaches Leben, ich brauche jetzt nicht diese ganzen Lamm-Geschichten zu bringen, aber nein, er hat eben nicht gedacht, dass die Wahrheit schon ihren Weg machen wird, er hat darauf geachtet, verstanden zu werden.

Ich habe also diesen Adressaten gesucht und nach schneller Recherche bin ich auf Sie, Sankt Franz (von Sales) gestoßen. So habe ich mich, bevor ich euch schrieb, ein bisschen über Ihr Leben informiert – hier, hier, hier – und ich sage er gerade raus, ich war wirklich beeindruckt. Immerhin.

Da gibt es ihr lobenswertes Bemühen, die Protestanten überzeugen zu wollen, ohne sie mit dem Schwert zu bedrohen. Das ist cool. "Man muss alles über die Liebe erreichen und nichts über die Gewalt". Außerdem dieses Mahnen an die Lebensgenossen nicht immer über die Zeiten zu klagen, "denn die Zeit sind wir". Zeitlos, wenn ich das mal so sagen darf.

Und dann wurdet Ihr heilig gesprochen, ein Seriositätssiegel. In Eurer Arbeit als Heiliger seid Ihr der Schutzpatron der Journalisten und Schriftsteller, vor allem wegen Eurer Pionier-Nutzung von neuen Informationstechnologien und Kommunikation.

Das ist also was mich beschäftigt, die Kommunikation der Kirche und insbesondere des Vatikans. Ihr kennt sicherlich meine große Vorliebe für die Kirche, mein "literarisches" Engagement für den Heiligen Vater, da ich mal annehme, dass Sie, von da wo Sie sitzen, auch das World Wide Web begutachten. Ich habe also Grund, mir Sorgen zu machen.

Das Thema ist weit und alt. Nach der Kontroverse von Regensburg gab es das Aufheben der Exkommunikationen der integristischen Bischöfe und den Patzer. Zu der Gelegenheit hat einer Ihrer Kollegen, Hyppolite Simon geschrieben, er hoffe, dass "die Verantwortlichen der Kurie ein seriöses Debriefing zu den Kommunikationsfehlern machen würden". Dann kam das Kondom. Die Krise in der die Kirche zurzeit steckt ist ganz anderer Natur, schlimmer und größer. Man muss unbedingt vermeiden, dass sie durch Nachlässigkeiten verschlimmert wird. Daher erlaube ich mir, lieber Sankt Franz, hiermit Ihr Eingreifen zu fordern, so dass der Geist unsere liebe Kurie inspiriere.

Denn voll gutem Willen hat der Vatikan einen Text vorbereitet, um die derzeitigen Regeln gegen die Pädophilie in der  Priesterschaft zu verschärfen. Dieser Text ist so etwas wie eine Aktualisierung des Briefes von dem damaligen Kardinal Ratzinger, De delictis gravioribus1, der, wie man weiss, böswillige Interpretationen hervorgerufen hat. Der Text ist interessant: Die Verjährungsfristen werden verlängert, somit können betroffene Geistliche auch außerhalb der Verjährungsfristen belangt werden, die in gewissen Ländern gelten.

Hier aber nun, was ein britischer Journalist, Andrew Brown ganz treffend als "A Vatican PR catastrophe" beschreibt: "A coming revision of Vatican rules yokes together women priests and child abuse" also "eine geplante Revision der Regeln des Vatikans wirft2 Pädophilie und weibliche Priester in einen Topf". Das ist in der Tat was diese Dokument  einführen wird, der "Versuch der Priesterweihe von Frauen" wird den schlimmsten Delikten zugeordnet, derer sich die Kongregation für die Glaubenslehre annimmt. Ihr wisst sicherlich welche schnellen journalistischen Schlussfolgerungen diese Revision hätte.

Andrew Brown ist ein ehrlicher Mensch: Er hat versucht zu vestehen, er hat gesucht, und es lag ihm daran, die Logik des Textes zu erklären. Es nicht blöd, eine globale Reform in einem Mal durchzuführen. Außerdem erwähnt dieser Text die Delikte gegen die Sitten und die Delikte in der Abhaltung der Sakramente. Diese Delikte sind nicht in der selben Kategorie einzuordnen. Andrew Brown sagt also, dass "er nicht denkt (auch wenn er sich irren mag), dass irgendein katholischer Würdenträger glaubt, dass die Priesterweihe einer Frau mit der Vergewaltigung eines Kindes vergleichbar ist". Er kann es sich aber nicht verkneifen, zu bemerken, dass es besser gewesen wäre, beide Regeln getrennt voneinander zu veröffentlichen. Die Delikte sind unterschiedlich einzuordnen, das versteht sich von selbst.

Sehen Sie, lieber Sankt Franz, wir haben Glück gehabt. Die Reformpläne wurden mitten im Sommer bekanntgegeben. Stellt euch mal vor, das französische aktuelle Geschehen hätte wie sonst im Sommerloch nicht zu bieten. Stellt Euch nur vor, was ein nicht allzu gutgesinnter Journalist aus einer solchen Story hätte machen können. Dabei ist die Lösung von Herrn Brown nicht unumsetzbar, sie verstößt auch nicht gegen die Wahrheit.

Ich fahre am Samstag in Urlaub. Auch für mich geht eine Jahreszeit zu Ende. Es wäre nett, wenn Sie bis zu meiner Rückkehr unsere Kirche inspirieren könnten, oder sich mit dem Geist absprechen, was er tun kann - ohne ihn zu sehr zu beanspruchen. Denn auch wenn es mir eine Beschäftigung verschafft, Kontra zu geben, glaube ich fest daran, dass die Kirche diese kleinen Fehler vermeiden kann, die ein schlechtes Licht auf ihre schönen Institutionen werfen.

Euer treuer,

Koz
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Veröffentlicht in Frankreich

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