Und Paul Jorion schuf "die Theorie der Preise"
Mein Buch "Der Preis" (Verlag: Éditions du Croquant) kommt in den Buchhandel. Es handelt sich, wie bei "Comment la vérité et la réalité furent inventées" ("Wie die Wahrheit und die Wirklichkeit erfunden wurden"; Gallimard 2009), um ein Buch, das ich über einer längeren Zeitraum verfasst habe. Es enthält meine Beobachtungen über die Preisentstehung über eine Zeitspanne von 36 Jahren auf den bretonischen Jahrmärkten, den improvisierten Märkten auf afrikanischen Stränden, in den Handelssälen der europäischen und amerikanischen Banken.Es ist also das Buch eines Anthropologen. Ich pflege zu sagen : "Ich bin kein Ökonom" ; hier habe ich jedoch diese negative Perspektive beiseite gelassen. Ich habe mich auf das Terrain der Ökonomen gewagt und gesagt: "Die Theorie der Preise, die euch fehlt: Hier ist sie!"
Vor genau einem Jahr hat sich in Arc und Senans ein ziemlich genervter Ökonom auf die schwarze Tafel gestürzt und zwei sich kreuzende Kurven gemalt und gesagt: "Die Entstehung von Preisen, das ist doch einfach: Das ist da, wo Angebot und Nachfrage sich begegnen!"
Das ist so einfach, dass es so nicht funktioniert. Ich hätte ihn fast gefragt: "Sind Sie sicher? Haben Sie das mit Zahlen geprüft?" Ich habe es aus zwei Gründen nicht getan.
Der erste ist, dass es sich um den Typus von Ökonom handelte, der mich einfach nur für einen Verrückten gehalten hätte. Der zweite ist, dass ich die Antwort bereits kenne: Ich habe versucht, dies mit Zahlen zu überprüfen und das Fazit war ebenfalls ganz einfach, es funktionierte nicht.
Ich habe hier die Einführung von "Der Preis" wiedergegeben, um euch auf den Geschmack zu bringen:
Die Wahrheit und der Preis
Ich habe ein Buch geschrieben zum Thema "Wie die Wahrheit und die Wirklichkeit erfunden wurden" (Gallimard 2009). Das Werk befasste sich mit der Erkenntnistheorie und der Wissenschaftsphilosophie. Dieses hier handelt von politischer Wirtschaft und ökonomischer Anthropologie. Die beiden Bücher haben jedoch Gemeinsamkeiten, da ich bei beiden die gleiche Methode anwende.
Das wurde dadurch möglich, dass beide Phänomene - die Wahrheit und der Preis - eine identische Struktur haben. Der einzige Unterschied zwischen beiden ist, dass die Wahrheit sich über den Modus des Wortes definiert und der Preis über den Modus der Zahl. Wenn man von Wahrheit spricht, spricht man eigentlich über etwas, das wie ein Preis funktioniert und wenn man von einem Preis spricht, spricht man über etwas, das wie die Wahrheit funktioniert. Man kann also sagen, dass der Preis die in Zahlen ausgedrückte Wahrheit der menschlichen Dinge ist - beziehungsweise, dass die Wahrheit der in Worten ausgedrückte Preis der menschlichen Dinge ist.”
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Ein Preis braucht zwei Personen, den Käufer und den Verkäufer; eine Wahrheit braucht ebenfalls zwei Personen, die Gesprächspartner. Der Sprachphilosoph Austin schrieb eines Tages: "It takes two to make a truth" (Austin 1970 [1950] : 124). In der Findung der Wahrheit werden Worte ausgetauscht und wenn eine Übereinkunft zum selben Satz gefunden wurde, so dass beide Gesprächspartner sagen können "ich glaube es", und beide sagen können "wir wissen es", dann werden sie sich ein gemeinsames Wissen erstellt haben. Es gibt nun eine Verbindung zwischen ihnen und von nun an gibt es ein bisschen von jedem beim anderen. Sie können sich ein paar Jahre später treffen, ohne sich in der Zwischenzeit gesehen zu haben und sie werden erstaunt sein festzustellen, dass ihre Gedanken sich die ganze Zeit parallel fortgesetzt haben, als ob sie weiterhin gemeinsam Wahrheit geschaffen hätten. Das ist was die Physiker das Prinzip der Nicht–Trennbarkeit nennen, wenn es um Elementarteilchen geht. Bei der Entstehung des Preises werden Zahlen ausgetauscht und wenn eine Übereinkunft getroffen wurde bezüglich der selben Zahl, dann wird Geld getauscht gegen Ware (materieller oder immaterieller Art). Derjenige, der die Ware verkauft, hat nun Geld, derjenige der Geld besaß, hat nun die Ware; der Tausch hat eine Verbindung zwischen beiden geschaffen, sie haben gemeinsam einen Preis geschaffen und würden gerne von vorne anfangen.
Das Wahrheitssystem unserer Kultur wird Wissenschaft genannt, das Preissystem unserer Kultur wird Ökonomie genannt. Unsere modernen Gesellschaften unterstehen komplett der gemeinsamen Aktion dieser beiden Systeme. Es gibt sehr wenige Dinge in unseren Gesellschaften, die sich nicht ganz einfach durch die Wissenschaft oder die Ökonomie erklären lassen. Der Wissenschaftler, der Wissenschaft produziert, hat den Platz des Weisen übernommen; der Geschäftsmann, der den Preis produziert, den Platz des Kriegers. Was den Platz des Heiligen angeht, so gibt es nicht mehr viele, die diesen einnehmen wollen...
Danke an Jan Bruegel für sein tolles Bild eines Fischmarktes, der ein tolles Buchcover ergibt. Danke an Alain Oriot dafür, dass er aus all dem ein sehr schönes Buch gemacht hat, das man sich hier kaufen kann.
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