Prix Goncourt 2010: Houellebecq der (zahme) Provokateur

Veröffentlicht auf von Ingmar Link

[caption id="attachment_7356" align="alignright" width="360" caption="Foto: Hendrik Speck / Flickr / CC Lizenz"][/caption] Die Ergebnisse des Prix Goncourt werden bald verkündet. In letzter Zeit hat der Literaturpreis spannendere Bücher hervorgebracht als der Bookers Prize in Großbritannien. Ein Werk, das zu den Favoriten gehört, ist der 53-jährige Bürgerschreck Michel Houellebecq mit seinem Roman La carte et le territoire.1 Die inoffiziellen Gründe, die für ihn sprechen (bei Literaturpreisen geht es meistens um unausgesprochende Gründe),  sind die folgenden: dass (a) er es schon lange verdient hat (b) es verrückt ist, dass einer der meistgelesenen französischen Schriftsteller den Preis noch nicht erhalten hat (c) der Reihe nach sollte diesmal der Verleger Flammarion dran sein, denn so funktionieren französische Literaturpreise und MH ist in diesem Jahr Flammarions Zugpferd. Die Argumente gegen ihn, sind dass (a) Houellebecq politisch viel zu inkorrekt ist (b) er viel zu viele Menschen empört hat (c) die Ben Jelloun Frage.  Das letzte Argument ist das einzige, das zählt.  In seiner Kolumne in einer italienischen Tageszeitung hat der nordafrikanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun (den ich weit mehr als Houellebecq bewundere) das letzte Werk von MH zerrissen. Er schrieb, er habe drei Tage seines Lebens beim Lesen verschwendet. Seiner Meinung nach ist es ein fauler Trick, wahre Personen in eine Erzählung zu packen - ein Anzeichen für einen Mangel an Erfindungsgeist.  Ben Jelloun ist wichtig, denn er sitzt in der Goncourt Jury. Was kann man über den Roman sagen?  Ich finde, dass er besser als seine Vorgänger geschrieben ist, einerseits wegen des Prosa-Niveaus, andererseits wegen des kompakten Aufbaus. Manche haben es etwas weniger offensichtlich provokativ gefunden und erstaunlicherweise ist es teilweise ausgewogen.  Es kommt fast kein Sex vor, was eine wahre Umkehr ist. Ich finde, dass Kritiker falsch liegen wenn sie meinen, Houellebecq hätte kein Feuer mehr. Die alten Provokationen sind immer noch da, auch wenn sie weniger direkt sind. Der MH, den wir lieben, bissig, wild, mit seinen satirischen Klauen ist deutlicher erkennbar und ich fand es genau deswegen sehr lustig. Ja, er versetzt sich in die Erzählung hinein, aber nicht auf eine meta-fiktionelle Art und Weise. Er tut dies, um sich selbst als stinkigen, ungewaschenen Lümmel darzustellen, der in einem hässlichen Bungalow in Irland lebt und sich von billigem Fleisch ernährt, dabei billigen südamerikanischen Wein schlürft und dabei allgemein mürrisch und unattraktiv rüberkommt. Das ist ein alter Witz, aber er funktioniert. Das Buch nimmt zeitgenössische Kunst auf die Schippe, anhand der Hauptfigur Jed Martin, ein Künstler, der etwas vom Meister an sich hat. Ausserdem kommen im Buch eine ganze Reihe von Houellebecq'schen Prellböcken vor, wie begleiteter Selbstmord, Einäscherung, von Natur aus faschistische Fluggesellschaften usw usw. Es geht auch um das Altern und um den Tod, die altbekannten großen Themen, und es geht um das JETZT. Houellebecq liebt es, mit giftiger Genauigkeit das Mittelmässigkeit der heutigen Welt zu beschreiben. Das Gros seiner "Provokation" liegt in seiner Unfähigkeit, das zu loben, was, wie wir wissen, nicht gelobt werden sollte und dennoch oft gelobt wird.  Leider kann ich Euch nicht erzählen, was im letzten Drittel des Romans passiert, denn sonst würde ich Euch das Vergnügen vermasseln, es ist aber toll geschrieben und lustig. Es hat mich auch daran erinnert, dass Houellebecq eine Zukunft als Krimiautor haben könnte. Aber dann würde er wohl nicht den Prix Goncourt erhalten.
  Anmerkung der Editoren: 1 : Die deutsche Übersetzung, "Karte und Gebiet", wird voraussichtlich im März erscheinen.
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