Die Welt altert: Was kann man gegen den grauen Tsunami tun?

Veröffentlicht auf von Jan

[caption id="attachment_11899" align="aligncenter" width="621" caption="Bild: Vom Fotoservice der Foreign Policy - The Grayest Generation"][/caption]


Ich möchte in diesem Post einen absolut lesenswerten Artikel der Foreign Policy zum Thema des "grauen Tsunamis" der Überalterung der Weltbevölkerung (auszugsweise) zusammenfassen und kommentieren. Hier der Originaltitel: Global Aging. A gray tsunami is sweeping the planet - and not just in the places you expect. How did the world get so old, so fast?

Im Jahr 1968 schrieb Paul Ehrlich in seinem apokalyptischen Werk The Population Bomb, dass in den 70er und 80er Jahren "Hunderte von Millionen Menschen Hungers sterben werden [...] der grundlegende Anstieg der weltweiten Sterblichkeitsrate kann nicht verhindert werden". Die Vision Ehrlichs ist offensichtlich nichts anderes als eine Vision geblieben. Sein Fehler war, anzunehmen, dass der Babyboom der 60er Jahre nie mehr abgeflaut wäre. Heute gilt die Hauptsorge der Demographen nicht mehr der Geburt zu vieler Kinder, sondern dem genauen Gegenteil...

[caption id="attachment_11903" align="alignright" width="300" caption="Der Autor des Artikels der Foreign Policy ist Phillip Longman, Verfasser der Studie The Empty Cradle."][/caption]

Wahr ist zwar, dass die Weltbevölkerung in den nächsten 40 Jahren von 6,9 Milliarden auf 9,1 anschwellen wird, aber das Wachstum wird nicht durch die Geburten angetrieben (die nicht nur im Westen gesunken sind), sondern durch die steigende Anzahl alter Menschen. Die Bevölkerungsgruppe der Kinder unter 5 Jahren wird zur Mitte dieses Jahrhunderts auf 49  Millionen sinken, während die Gruppe der über 60jährigen dank der längeren Lebenserwartung um 1,2 Milliarden zunehmen wird. Im Westen (und in Japan nehme ich an) beobachten wir bereits einen Spitzenanteil an Sechzigjährigen. In zwanzig Jahren werden wir einen Spitzenwert der Achtzigjährigen haben. Der Rest der Welt wird diese Erfahrung mit ein paar Dutzend Jahren Verspätung machen. Schon heute kann man diesen Trend in vielen asiatischen und südamerikanischen Ländern sowie in Staaten wie Marokko, Libanon und Iran beobachten. Von den 59 Nationen, deren Geburtenrate nicht ausreicht, um die Sterberate auszugleichen, gehören bereits 18 zu den sogenannten Entwicklungsländern.

Wenn die große Welle des globalen Babybooms vorbei sein wird, könnte die Weltbevölkerung so schnell abnehmen, wie sie angewachsen war. Russland und Japan sind bereits heute ein Modellfall für diese Entwicklung. Laut einer Hochrechnung der Vereinten Nationen könnte die Weltbevölkerung im Jahr 2150 um die Hälfte geschrumpft sein.

Die Ursachen dieses Trends liegen nicht in den Programmen zur Geburtenkontrollen. Vielmehr sind Faktoren wie Urbanisierung hier ausschlaggebend, da in den Städten Kinder zusätzliche Kosten darstellen (und nicht eine Hilfe wie auf dem Land). Dazu kommen die Gleichberechtigung der Frau im Beruf und dass immer mehr Menschen in Rente gehen. Eine weitere überraschende Ursache scheint die Verbreitung des Fernsehens zu sein: In Brasilien geschah diese Verbreitung aufgrund der Größe und des unterschiedlichen Entwicklungsstandes des Landes nicht einheitlich, so dass man beobachten konnte, dass der Ankunft der Mattscheibe unmittelbar ein Niedergang der Geburten folgte. Vielleicht, kann man hier spekulieren, ist das Fernsehen aber auch nur ein Indikator für das Erreichen eines gewissen wirtschaftlichen Wohlstandslevels, das aus verschiedenen Gründen zur Abnahme der Fruchtbarkeit führt.

Eine unerwartete Konsequenz der neuen demographischen Situation ist, dass das viel diskutierte "asiatische Zeitalter", das gerade begonnen hat, womöglich gar nicht stattfinden wird. Die wirtschaftlichen Probleme Japans begannen Ende der 80er Jahre, als seine Arbeitskraft allmählich abnahm. Ist dies auch die Zukunft Koreas, Taiwans, Singapurs und schließlich etwas später Chinas? In diesem Land wie auch in Indien besteht aufgrund kultureller Vorbehalte das Problem der Ungleichheit zwischen Mann und Frau. Keine Gesellschaft hat jemals eine so schnelle Überalterung ihrer Bevölkerung hinnehmen müssen, wie dies gerade in Asien der Fall ist, was Vorhersagen unendlich erschwert. Als sicher kann gelten, dass keine andere Weltregion eine so schwere demographische Krise wird meistern müssen.

Im Zuge der globalen Überalterung leidet die wirtschaftliche Entwicklung: Weniger junge Leute bedeutet weniger neue Häuser etc. und weniger Unternehmergeist. Die Arbeitskraft ab einem gewissen Alter wird eher dazu tendieren, die derzeitige Beschäftigung zu bewahren, als sich in neue Karrieren oder Vorhaben zu stürzen. Und das gerade in diesem Blog schreiben zu müssen, schmerzt doppelt. Wo wir doch immer davon ausgegangen sind, dass folgendes Paradigma ewige Gültigkeit haben wird: Ökonomischer Fortschritt = technisch-wissenschaftlicher Fortschritt = sozialer Fortschritt = Fortschritt in Richtung einer sich abzeichnenden posthumanen Zukunft.

Der Autor des Artikels sieht nicht viele Lösungen. Auf der einen Seite könnte man dem schwedischen Modell folgen: Ein massiver staatlicher Eingriff, um den Konflikt Beruf/Familie zu entschärfen, so dass Mütter mehr Kinder gebären können, ohne wirtschaftlich die Leidtragenden zu sein. Das Problem hierbei ist nur, dass alle Staaten, die diese Strategie gewählt haben, magere Ergebnisse erzielt haben. Der andere Ansatz (nicht ernsthaft empfohlen!) ist der der Taliban: Die Rückkehr zu "traditionellen" Werten. Hier haben die Frauen wenig andere Alternativen, als zu Hause zu bleiben und Kinder aufzuziehen...Ein dritter Weg, der im Artikel empfohlen wird, besteht darin, Kinder wieder als Hilfe, als Investition anzusehen, wie sie es auch bei kleinen Familienbetrieben durchaus sein können. [...]
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Veröffentlicht in Gesellschaft

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