Bank-Pleite in Kabul : Sind die USA schuld?

Veröffentlicht auf von Karolin Mulhaupt

Zwei Artikel der französischen Zeitung Le Monde werfen indirekt die Frage des Verhältnisses zwischen Geld und Geostrategie auf. 1/ Im ersten Artikel erwähnt der Geopolitik-Journalist Alain Frachon das jüngste Werk von Michael Mandelbaum The Frugal Superpower : America's Global Leadership in a Cash-Strapped Era. Das Buch sagt das Ende der Hypermacht voraus (Auszüge auf Englisch gibt es auf der Website Guernicamag). 2/ Wie lautet seine These? Es geht ganz einfach darum, dass Amerika auf einem absteigenden Ast ist - das wusste man schon - und zwar aus wirtschaftlichen Gründen. Das Land wird in Zukunft nicht mehr genug Geld haben, um seinen Expansionismus und seine globale Politik zu finanzieren. Der Druck der Staatsverschuldung ist wegen der Kampagnen in Irak und Afghanistan gestiegen und hat, wie man weiß, ein enormes Ausmaß erreicht. Die hohe Verschuldung der USA kommt zu dem Zeitpunkt, wo die Baby Boomer in die Rente gehen und die internen Finanzierungsbedürfnisse steigen. Aus all diesen Gründen gab es einen Rückzug in allen Bereichen und die Hypermacht ist "genügsam" geworden - von der 2008-Krise ganz zu schweigen. Während Bush Senior die Hyperexpansion verkörperte, steht Barack Obama für den Übergang zu einem anderen Denkmuster. Diese Entwicklung erinnert an den russischen Rückzug in den 90er Jahren nach dem sowjetischen Mißerfolg. 3/ Wie im Falle Rußlands heißt das nicht, dass die USA in Zukunft keine Bedeutung mehr haben werden. Sie werden bloß weniger Bedeutung haben, also mehr Platz für die anderen übrig lassen. Daraus ergibt sich eine instabilere Welt, oder zumindest eine Welt, in der mehr Wettbewerb, also mehr Gefahr herrscht. Der irenische Traum Europas wird auf unangenehme Sachverhalte treffen.
4/ Die letzte Konsequenz: Der amerikanische Schutzschirm für Europa wird zum Trugbild. Erstens rechtfertigt er sich aus strategischer Sicht nicht mehr, zweitens ist er sehr teuer. Im Rahmen der zurzeit spürbaren Kosteneinsparung wird er wahrscheinlich zu den ersten Ausgaben zählen, die reduziert werden. Das ist auch einer der Gründe, warum beim nächsten Nato-Gipfel eine strukturelle Refom geplant wird. Doch diese unbedeutende Sparmaßnahme ist nichts gegenüber der allgemeinen Abkopplung der USA von Europa, die darauf folgen wird. 5/Ein Artikel im Wirtschaftsheft befasst sich mit Afghanistan: Der Blickwinkel ist hier nicht strategisch sondern wirtschaftlich. Es geht um die Schwierigkeiten der Kabul Bank. Diese gewährt den reichen (und korrupten) Afghanen Langzeitanleihen, damit diese in Abu Dhabi investieren können, anstatt sich um lokale Geldanlage zu kümmern und Mikrokredite zu gewähren, die das Land voranbringen könnten. Doch die Kabul Bank hält sich an die globalen "Regeln" (Langzeitschulden), die von Finanzexperten festgelegt wurden. Diese eignen sich jedoch nur für reiche Länder, und nicht für arme oder instabile Gegenden. Hier wurde mal wieder eine "westliche" Methode angewandt, die genau das Gegenteil von dem erwirkte, was man sich erhoffte... Zwei Beispiele der jetzigen Kriegsökonomie... Deux illustrations de l'économie de guerre contemporaine....
  Anmerkung der Editoren: 1 Anfang September 2010 bildeten sich vor der Kabul Bank Warteschlangen: Besorgte Anleger versuchten, ihre Einlagen abzuheben. Mittlerweile hat die Zentralbank des Landes die Kontrolle über die Kabul Bank übernommen.
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