Demonstrationen: Eine alteingesessene französische Tradition

Veröffentlicht auf von Katharina Heidrich

[caption id="attachment_6072" align="alignleft" width="302" caption="Foto: Gabriel M.A./Flickr. CC Lizenz"][/caption]

Laut einer weit verbreiteten Meinung begeistern sich die Franzosen für Sex, gute Küche und Demonstrationen - wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Es gehört zu den alten und stolzen Traditionen der gallischen Gewerkschaften, bei der kleinsten Gelegenheit wütend zu werden, zu den folgenreichsten Streiken aufzurufen. Zurzeit widmen sie sich diesen Protesten mit einem lobenswerten Eifer.

Es stimmt, dass Frankreich ein ernsthaftes Problem hat - und ja, die Rentenreform ist ein Teil der Lösung. Auch wenn die Geburtenrate des Landes nicht schlecht ist (1.89, im Vergleich zu 1.41 in Spanien oder 1.36 in Deutschland), ist das Rentenalter (60 im Vergleich zu 65 und 67) viel großzügiger und führt langfristig zu einem ernsten Steuerproblem. Im Vergleich zu Spanien ist der französische öffentliche Sektor riesig (53% des BIP). Aus diesem Grund hat Frankreich hier keinen Spielraum, um die Steuern zu erhöhen. Pure Arithmetik führt zu den erforderlichen Reformen.

Abgesehen von den schreienden Massen und den Blockaden in der Hauptstadt wissen die Franzosen um die Notwendigkeit der Reform. Laut Economist sind 70% der Franzosen der Meinung, dass es sich um eine notwendige und verantwortungbewusste Entscheidung handelt, das Rentenalter zu erhöhen. Die Streiks treffen auf breite Unterstützung (das ist Frankreich - sie lieben Streiks), aber es scheint, dass die Reaktionen ausserhalb der strategischen Sektore (in den öffentlichen Unternehmen), in denen sich die Gewerkschaften konzentrieren, weniger positiv sind.

Was mir dennoch sehr seltsam erscheint ist die romantische Haltung einiger Franzosen hinsichtlich glorreicher Arbeiterbewegungen. Die "echten" Linken unterstützen fast automatisch jeden, der ein Plakat hält, ohne sich die Mühe zu geben, erst zu lesen, ob der Kundgeber Recht hat oder nicht. Zu behaupten, dass man protestieren muss, damit nicht immer "die selben" gewinnen, bedeutet, dass man sich von seiner Wut leiten lässt, ohne den Verstand einzusetzen. Vor allem wenn man rein rechnerisch nicht Recht haben kann.

[caption id="attachment_6073" align="aligncenter" width="583" caption="Foto: Gabriel M.A./Flickr. CC Lizenz"][/caption]

Diese Krise hat deutlich gezeigt, dass viele Dinge schief gelaufen sind. Sie hat auch gezeigt, dass der Wohlstandsstaat keine politische Spinnerei ist sondern ein sehr nützliches (und einflussreiches) Element sozialer Kohäsion. Er kann langfristig gut gehandhabt werden. Der Bankensektor, das Finanzwesen im Allgemeinen, ist als Opfer einer fürchterlichen Inkompetenz in tausend Stücke explodiert. Die Dirigenten waren unfähig, Risiken zu kalkulieren und langfristig zu planen. Zurzeit haben wir Politiker, die langfristig planen, Risiken kalkulieren und versuchen, das soziale Sicherheitssystem vor einer weiteren Insolvenz zu schützen. Und es scheint, dass manche wünschen, sie würden sich statt dessen wie Banker verhalten.


Gleichheit, ja. Aber vergessen wir nicht, dass es notwendig ist, den öffentlichen Bereich zahlungsfähig zu halten. Die Alternative wäre, wie Griechenland zu enden.
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