Das grausame Schicksal der Reine Claude… köstliche Pflaume

Veröffentlicht auf von Wolfram Dennig

[caption id="attachment_13726" align="alignleft" width="306" caption="Foto : Su-Lin, Flickr, CC-Lizenz"][/caption] Die Obsternte ist vorüber, die letzten Blätter klammern sich verzweifelt an die Äste, Wind und Regen fegen und spülen weg was übrig bleibt: Es ist November. Vor einiger Zeit kamen die Kleinbauern der Gegend, um ihre Ernte auf den Märkten zu verkaufen - die Gegend ist in meinem Fall die ehemalige Markgrafschaft der Bach-Konzerte, dieselbe, die einem dekorativen Verschlusssystem für Kleidung ihren Namen gegeben hat: Brandenburg. Während ich in der Nähe einer dieser Märkte flaniere, fällt mir eine Händlerin auf, die Hausmänner und Hausfrauen mit einer Lebhaftigkeit und einer Effizienz bedient, die mir die Sprache verschlägt angesichts der Tatsache, dass sie von ihrer körperlichen Erscheinung her unmöglich jünger als achtzig Jahre sein kann. Ich hatte keinerlei Absicht, irgendetwas einzukaufen, ich kam ja nur zufällig dort vorbei, aber nun habe ich Lust, diese Händlerin von näher zu beobachten. Diese Handfertigkeit hat sie sich bestimmt in der Jugendzeit einer Generation angeeignet, die sehr früh im Leben zu arbeiten begann und sehr früh am Morgen aufstand.  Zack, sie verpackt, streckt die Ware hin, nimmt das Geld, gibt das Kleingeld heraus ohne einen Augenblick zu zögern! Weil ich ihr die ganze Zeit zugeschaut habe, weiß ich immer noch nicht, was ich eigentlich kaufen möchte als ich an der Reihe bin. Da bleibt mein Blick an einem Schild mit der Aufschrift  "Reneclouden" hängen. Dieses seltsame Wort klingt nicht deutsch. Die Buchstabenfolge "c-l-o-u" hat nichts Deutsches an sich. Es ist eine in dieser Sprache unwahrscheinliche Kombination von Buchstaben. In Gedanken verbessere ich das falsch geschriebene ausländische Substantiv, nehme das "n" am Ende weg, das den Plural anzeigt, trenne das Wort in die zwei Teile "rene" und "cloude", füge das fehlende "i" in "rene" ein, was "reine" ergibt, und tausche das  "o" gegen ein "a" aus. Dies ergibt  "reine claude" oder: reine Claude, die Königin Claudia, der Anne von Graville (mittelalterliche Dichterin und Hofdame der Königin Claude, AdHg) ihre "belle dame sans mercy" widmete (eine Sammlung von einundsiebzig Gedichten oder "Rondos", welche die Frauentugenden zum Thema haben, AdHg). Was hat 500 Jahre später ihr mehr schlecht als recht eingedeutschter Name auf einer Schiefertafel über einer Pflaumensteige zu suchen? Und wer hat auch nur von dieser Königin gehört? Ich kann nicht einmal sagen, dass, wenn es das salische Recht nicht gegeben hätte, sie überhaupt regiert hätte. Falls das salische Recht nicht existiert hätte, wäre kein Valois (Nebenlinie des französischen Königsgeschlechts der Kapetinger, die das Königreich der Franken von 1328 bis 1589 regierte, AdHg) auf den Thron gestiegen. Es war jedoch die älteste Tochter von Ludwig XII von Valois, der keine Söhne hatte. Im Alter von 16 Jahren wurde sie mit Franz dem Ersten vermählt und blieb Königin von Frankreich solange bis sie sieben Kinder zur Welt gebracht hatte, beinahe jedes Jahr eines. Daran starb sie im Alter von 25 Jahren. Es muss erwähnt werden, dass man manchmal mit den Königinnen grausamer umging als mit den Bäuerinnen. Da sie ihre Kinder nicht stillen durften, waren Königinnen und Prinzessinnen keinen Augenblick vor einer erneuten Schwangerschaft geschützt. Ich weiß nicht, ob die Bäuerinnen des 16. Jahrhunderts das ehrenwerte Alter von 80 Jahren erreichten, aber die Königinnen hatten, außer wenn sie jung Witwe wurden und auch blieben, oft keine lange Lebenserwartung! Alles was uns von ihr als Erinnerung bleibt, ist diese köstliche Pflaume, die der Naturforscher Pierre Belon einführte und der Königin widmete.
  AdHg: Anmerkung des Herausgebers
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Veröffentlicht in Frankreich

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