Die Irland-Krise aus Sicht Spaniens
[caption id="attachment_8025" align="alignleft" width="300" caption="Foto Infomatique/Flickr (CC)"]
[/caption] Herzlichen Glückwunsch, Europäer: Wir haben ein neues Land! Für weniger als 100 Milliarden Euro hat unsere stolze Union eine kleine Inseln im Westen des Kontinentes namens "Irland" gekauft. Zumindest den südlichen Teil, der Norden ist voller grober Typen, auf die wir später zurückkommen. Auch wenn 100.000 Millionen sich nach viel Geld anhört, handelt es sich um ein wahres Schnäppchen - 2008 erwirtschaftete dieses Land 207.000 Millionen BIP, so dass wir es mit 50% Nachlass erworben haben. Wie schön! In Krisenzeiten ist es nicht leicht, ein solches Angebot zu finden. Dennoch gibt es kleines Problem. Eine Kleinigkeit. Unwesentlich. Die Banken dieser kleinen Insel im Nord-Atlantik waren etwas nachlässig. Probleme bei der Buchführung, verlorene Unterlagen, nichts Schlimmes. Man muss wirklich nicht beunruhigt sein. Gut, vielleicht hilft ja dieses ganze Geld dabei, einige Missverständisse zu klären, aber Euer neues Protektorat wird Euch ganz sicher gefallen. Hier einige Kommentare zum Thema, wenn auch etwas ungeordnet. Wieso findet die Rettung gerade jetzt statt? Man hat uns oft genug gesagt, dass Irland genug Geld hatte, um sich bis nächstes Jahr zu finanzieren. Daher ist diese Rettungsmaßnahme etwas verwirrend. Der irische Staat hatte schon Ersparnisse. Das Problem ist das Bankensystem (welches, wie Ihr wisst, staatlich ist). Wie Nada es Gratis berichtet (lest den Artikel, der natürlich sehr interessant ist), hat das Bankensystem in den letzten Monaten eine Einlage nach der anderen eingebüsst. Schuld an der Irland-Krise ist also nicht der Staatshaushalt, sondern eine Bankenpanik. Und natürlich Angela Merkel. Es war echt rührend, wie sie öffentlich sagte, dass Irland vielleicht nicht alle seine Schulden zurückzahlen würde. Wer bezahlt die Rechnung? Praktisch gesehen ist die Rettungsmassnahme durch den Internationalen Währungsfonds eine "Refinanzierung". Irland braucht nicht mehr nach Krediten mit masslos übertriebenen Zinssätzen zu suchen. Der Rettungsfonds stelt dem Land Gelder zur Verfügung – zu vernünftigeren Bedingungen. Die restlichen Schulden werden also durch diesen Fonds bezahlt. Als Dankeschön für die Groszügigkeit (wenn man so will) von Resteuropa verspricht Irlands Regierung dem guten alten IMF, dass das Land einen Sparplan einführen wird (ein paar Reformen, Steuermassnahmen und Budgetkürzungen) damit wir auch sicher sind, dass wir den Cash zurückkriegen. Ist Spanien auch gefährdet? [caption id="attachment_8205" align="alignright" width="287" caption="Foto: UggBoy-UggGirl | Flickr, CC Lizenz"]
[/caption] Ja und nein. Wie ich vor ein paar Tagen erklärte, gibt es auch hier Grund, sich Sorgen zu machen, doch sind die Probleme anderer Art. Falls Spaniens Schuldner eine Bank ist, werden wir es mit einer relativ soliden Einheit zu tun haben, die sich inmitten einer völlig zerstörten spanischen Wirtschaftslandschaft halten wird. Die größten Banken (BBVA und Santander) sind nicht allzu sehr vom Binnenmarkt abhängig, sie stellen also kein großes Risiko dar. Die kleineren Banken werden genügend reguliert und haben Rücklagen, doch wenn die Wirtschaft sich nicht bald erholt, werden sie nicht ewig durchhalten können. Falls der Schuldner eine Sparkasse ist, wird es ein solides Inselchen (La Caixa) inmitten von zahlreichen brüchigen Buden geben. Die Bank von Spanien [Zentralbank] wird mit ihrem Bulldozer anrücken um das Problem so schnell wie möglich aus dem Weg zu räumen. Falls der Staat selbst der Schuldner ist, wird er in der Lage sein, kurzfristig zu zahlen (die Staatsverschuldung ist relativ gering), doch die Hälfte der Indikatoren wird auf Rot stehen, falls die Wirtschaft sich nicht erholt. Langfristig könnte es zur Katastrophe kommen, falls das Problem des strukturellen Defizits (Renten und Krankenversicherung) nicht gelöst wird. Wenn wir die eigene Haut retten wollen, müssen wir so schnell wie möglich drei Sachen tun. Erstens zügig das Sparkassensystem umgestalten. Die Bank von Spanien hat enorm viel Spielraum, doch es ist besser, wenn die Politiker der autonomen Gebiete allein zurechtkommen. Zweitens müssen wir die strukturellen Reformen durchführen, die schon seit zwanzig Jahren anstehen, um dieses verflixte Produktionsmodell zu ändern – vom Arbeitsmarkt bis hin zu den Unis und der idiotischen Apothekenregulierung. Und zu guter Letzt müssen wir das Rentensystem verstärken. Falls wir es schlau einfädeln, können wir auch die Renten besser staffeln. Abgesehen von all dem haben wir ein anderes Problem: Falls Spanien zusammenbricht, wird der Sturz absolut tödlich sein. Das bedeutet auch, dass alle wissen, dass Resteuropa alles tun wird, um nicht ein solches Chaos ausbügeln zu müssen. Daher werden wir wohl über etwas mehr Zeit verfügen, um die nötigen Änderungen vorzunehmen. Und die Tatsache, dass wir das Ganze auch noch in die Länge ziehen können, macht alle anderen noch viel nervöser. Selbsterfüllende Prophezeiung, wir begrüßen Dich!
[/caption] Herzlichen Glückwunsch, Europäer: Wir haben ein neues Land! Für weniger als 100 Milliarden Euro hat unsere stolze Union eine kleine Inseln im Westen des Kontinentes namens "Irland" gekauft. Zumindest den südlichen Teil, der Norden ist voller grober Typen, auf die wir später zurückkommen. Auch wenn 100.000 Millionen sich nach viel Geld anhört, handelt es sich um ein wahres Schnäppchen - 2008 erwirtschaftete dieses Land 207.000 Millionen BIP, so dass wir es mit 50% Nachlass erworben haben. Wie schön! In Krisenzeiten ist es nicht leicht, ein solches Angebot zu finden. Dennoch gibt es kleines Problem. Eine Kleinigkeit. Unwesentlich. Die Banken dieser kleinen Insel im Nord-Atlantik waren etwas nachlässig. Probleme bei der Buchführung, verlorene Unterlagen, nichts Schlimmes. Man muss wirklich nicht beunruhigt sein. Gut, vielleicht hilft ja dieses ganze Geld dabei, einige Missverständisse zu klären, aber Euer neues Protektorat wird Euch ganz sicher gefallen. Hier einige Kommentare zum Thema, wenn auch etwas ungeordnet. Wieso findet die Rettung gerade jetzt statt? Man hat uns oft genug gesagt, dass Irland genug Geld hatte, um sich bis nächstes Jahr zu finanzieren. Daher ist diese Rettungsmaßnahme etwas verwirrend. Der irische Staat hatte schon Ersparnisse. Das Problem ist das Bankensystem (welches, wie Ihr wisst, staatlich ist). Wie Nada es Gratis berichtet (lest den Artikel, der natürlich sehr interessant ist), hat das Bankensystem in den letzten Monaten eine Einlage nach der anderen eingebüsst. Schuld an der Irland-Krise ist also nicht der Staatshaushalt, sondern eine Bankenpanik. Und natürlich Angela Merkel. Es war echt rührend, wie sie öffentlich sagte, dass Irland vielleicht nicht alle seine Schulden zurückzahlen würde. Wer bezahlt die Rechnung? Praktisch gesehen ist die Rettungsmassnahme durch den Internationalen Währungsfonds eine "Refinanzierung". Irland braucht nicht mehr nach Krediten mit masslos übertriebenen Zinssätzen zu suchen. Der Rettungsfonds stelt dem Land Gelder zur Verfügung – zu vernünftigeren Bedingungen. Die restlichen Schulden werden also durch diesen Fonds bezahlt. Als Dankeschön für die Groszügigkeit (wenn man so will) von Resteuropa verspricht Irlands Regierung dem guten alten IMF, dass das Land einen Sparplan einführen wird (ein paar Reformen, Steuermassnahmen und Budgetkürzungen) damit wir auch sicher sind, dass wir den Cash zurückkriegen. Ist Spanien auch gefährdet? [caption id="attachment_8205" align="alignright" width="287" caption="Foto: UggBoy-UggGirl | Flickr, CC Lizenz"]
[/caption] Ja und nein. Wie ich vor ein paar Tagen erklärte, gibt es auch hier Grund, sich Sorgen zu machen, doch sind die Probleme anderer Art. Falls Spaniens Schuldner eine Bank ist, werden wir es mit einer relativ soliden Einheit zu tun haben, die sich inmitten einer völlig zerstörten spanischen Wirtschaftslandschaft halten wird. Die größten Banken (BBVA und Santander) sind nicht allzu sehr vom Binnenmarkt abhängig, sie stellen also kein großes Risiko dar. Die kleineren Banken werden genügend reguliert und haben Rücklagen, doch wenn die Wirtschaft sich nicht bald erholt, werden sie nicht ewig durchhalten können. Falls der Schuldner eine Sparkasse ist, wird es ein solides Inselchen (La Caixa) inmitten von zahlreichen brüchigen Buden geben. Die Bank von Spanien [Zentralbank] wird mit ihrem Bulldozer anrücken um das Problem so schnell wie möglich aus dem Weg zu räumen. Falls der Staat selbst der Schuldner ist, wird er in der Lage sein, kurzfristig zu zahlen (die Staatsverschuldung ist relativ gering), doch die Hälfte der Indikatoren wird auf Rot stehen, falls die Wirtschaft sich nicht erholt. Langfristig könnte es zur Katastrophe kommen, falls das Problem des strukturellen Defizits (Renten und Krankenversicherung) nicht gelöst wird. Wenn wir die eigene Haut retten wollen, müssen wir so schnell wie möglich drei Sachen tun. Erstens zügig das Sparkassensystem umgestalten. Die Bank von Spanien hat enorm viel Spielraum, doch es ist besser, wenn die Politiker der autonomen Gebiete allein zurechtkommen. Zweitens müssen wir die strukturellen Reformen durchführen, die schon seit zwanzig Jahren anstehen, um dieses verflixte Produktionsmodell zu ändern – vom Arbeitsmarkt bis hin zu den Unis und der idiotischen Apothekenregulierung. Und zu guter Letzt müssen wir das Rentensystem verstärken. Falls wir es schlau einfädeln, können wir auch die Renten besser staffeln. Abgesehen von all dem haben wir ein anderes Problem: Falls Spanien zusammenbricht, wird der Sturz absolut tödlich sein. Das bedeutet auch, dass alle wissen, dass Resteuropa alles tun wird, um nicht ein solches Chaos ausbügeln zu müssen. Daher werden wir wohl über etwas mehr Zeit verfügen, um die nötigen Änderungen vorzunehmen. Und die Tatsache, dass wir das Ganze auch noch in die Länge ziehen können, macht alle anderen noch viel nervöser. Selbsterfüllende Prophezeiung, wir begrüßen Dich!Dieser Artikel wurde von E-Blogs gekürzt.
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