Online Identität und Meinungsfreiheit
[caption id="attachment_1261" align="alignright" width="300" caption="Foto: Crashfire / Flickr / Creative Commons Lizenz"]
[/caption]Eine meiner Patientinnen war eine Dame um die 40, die sich dem Kontakt mit der menschlichen Art entzogen hatte. Sie war Autistin, eine hoch intelligente Frau. Ein vorheriger Gast hatte ihr einen Computer organisiert, damit sie im Kontakt mit der Welt bleiben konnte.
Als ich ankam, waren die Vorhänge fest zugezogen. Es war drei Uhr nachmittags. Ich hämmerte eine Weile lang an die Tür. Endlich wurde sie geöffnet und vor mir stand eine stark übergewichtige halbnackte Frau. Sie bat mich hinein. Sie wollte mir Kaffee anbieten, aber sie war ‘etwas in Eile wegen der Arbeit’. Ich wusste gar nicht, dass sie ‘arbeitete’.
Sie positionierte ihren immensen Körper auf einem Stuhl vor ihrem neuen Computer. Riesige Mengen Fleisch hingen an beiden Seiten des Stuhls hinab. Vornüber gebeugt, den Bildschirm anstarrend, den Bauch komplett mit den Knien bedeckt. Als Windows startete, begann sie zu fluchen. Es war unmöglich, eine Unterhaltung mit ihr zu führen. Wütend tippend, fluchend, den unsichtbaren Feind bedrohend, der sich im Computer verbarg. Sie schien in Trance.
Anscheinend war sie mal im gleichen Gebäude wie ein berühmter Rock-Star. Sie sah sich seitdem als sein Beschützer an. Als er sich eine Webseite zulegte, hatte sie mit ihrer unendlichen Obacht begonnen und jeden verflucht, der nicht verstand, dass er ein menschlicher Gott sei. Sie hatte das Leben eines Web 2.0 Kommentators entdeckt.
Sie besaß mehr als 400 unterschiedliche Identitäten, und sie nutzte diese um drohende und verleumdende Posts zu veröffentlichen, sobald jemand behauptete, dass er doch auch nur ein Mensch sei. Das war ihre Beschäftigung, vom morgens in der Früh bis zum Sonnenuntergang.
Ich denke oft an sie während meines Darseins als Blogger. Insbesondere wenn irgendwelche bösartigen Kommentare mitten in der Nacht kommen, die nichts mit dem Post zu tun haben. Da fragt man sich schon, wer gerade an diesem PC sitzt. Daher war ich daran interessiert, “Inside the mind of the anonymous online poster” [Im Kopf eines anonymen Online Posters] zu lesen.
"Die Flut wutschäumender Kommentare über Obamas Tante ist ein Mikrokosmus, der das heikle Problem veranschaulicht, mit dem sich zurzeit viele Webseiten herumschlagen. Was tun mit anonymen Kommentaren? [...] Doch erst muss eine grundlegende Frage beantwortet werden: Wer sind diese Leute, die so viel Zeit damit verbringen, anonyme Kommentare zu posten, und was treibt sie an?"
Die Autoren haben den anonymen Postern ge-emailt, die auf den Obama-Artikel geantwortet haben, aber:
"Die Schreier, die Streitstifter, die Trolle haben sich nicht zurückgemeldet. Nicht einer. Die lautesten, aggressivsten Stimmen verstummten, wenn man sie bat, ihren Standpunkt zu erklären, eine echte Diskussion zu führen. Anscheinend schätzen die Trolle ihre Anonymität mehr als alle anderen."
“The Independent” hat vor kurzen verkündet, dass die Möglichkeit, anonyme Kommentare zu posten, verschwinden soll.
"Bis jetzt haben Webseiten Feigheit gefördert. Sie ermöglichen Usern, sich hinter ihrer virtuellen Anonimität zu verstecken um hastige, schlecht recherchierte und oft ungestüme Kommentare zu schreiben, ohne sich zu fragen, ob sie dabei Personen oder Unternehmen schaden."
Manche Leute brauchen die Anonymität, zum Beispiel Journalisten; diese haben sehr schnell darauf hingewiesen, dass der ‘Mantel der Anonymität’, der in der Webkultur verankert ist, sehr hilfreiche Hinweise in den Kommentar-Bereichen generiert.
Im März hat Cleveland.com eine Richterin geoutet, die anscheinend Kommentare als ‘lawmiss’ veröffentlicht hat, in denen sie sich kritisch über Fälle ihres Gerichts äußerte. Die Richterin bestritt, dass die Kommentare von ihr stammten und verklagte die Zeitung auf $50 Millionen Schadenersatz. Hätte die Presse die Info verschweigen müssen, als sie entdeckt wurde? Darf ein Richter Anonymität erwarten?
Neben der Kultur der Anonymität ist die Tradition des Outings ebenso verankert. ‘Outing’ ist the Online Version des Faustschlags eines Betrunkenen, dem die Argumente ausgehen. ‘Outing’ ist die Waffe jener, die nicht intelligent debattieren können. Es ist eine launische Antwort eines launigen Menschen. (Mein eigener Faustschlag hatte ein derart freudiges Ende, das ich nur schwer nachtragend sein kann!)
Einerseits geben anonyme Kommentare den Usern die Möglichkeit, ehrlich in öffentlichen Foren zu sein. Andererseits kann diese Freiheit ausgenutzt und manipuliert werden.
Ist ‘John Smith’ von johnsmith@wanadoo wirklich ‘John Smith’? Meistens waren die Usernamen, die die Patientin benutzte, männliche. Die Pseudos deuteten auf einen aktiven Lebensstil hin – die Wahrheit könnte nicht weiter davon entfernt sein!
Das ist das Dilemma der Herausgeber: wie können sie diese Manipulation der Redefreiheit verhindern und trotzdem die User schützen, die aufgrund des Anonymitätschutzes frei von der Leber weg kommentieren?
Es wäre schade, wenn ich ‘Usernames’ verlieren würde, allein das Ausdenken ist eine Tradition; eine Reihe von Kommentaren, die mit ‘anonym’ gekennzeichnet sind, sind nur irritierend, kommen sie etwa alle von einer Person?
Ich wäre sogar noch trauriger wenn Einlinien-Kommentare verschwinden würden. Ich wollte immer schon schreiben, aber ich konnte mir nicht vorstellen, ein Schweigevakuum anzuschreiben. Jeden Tag im Blog zu schreiben ist mehr wie eine Email an Dutzende, Hunderte, Tausende von alten Freunden.
Wie mit allen Freunden benehmen sie sich nur selten ungehobelt. Ich stelle mir einfach sein/ihr Fleisch vor, das am Stuhl herunterhängt, lächele vor mich hin, und gehe zum nächsten Kommentar über.
Dieser Artikel wurde freundlicherweise von der Autorin gekürzt. Ihr könnt die komplette Version hier lesen: http://www.annaraccoon.com/politics/on-line-identity-and-free-speech/
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