Wenn ein sechsjähriger Dieb einen Supermarkt ausplündert
[caption id="attachment_15132" align="alignleft" width="346" caption="Foto : Philippe Pujol, Flickr, CC-Lizenz"]
[/caption]Es war eine kleine Einkaufspassage wie man sie manchmal in Wohnblocksiedlungen der Vorstädte antrifft. Die Hälfte der Geschäfte war geschlossen und die mit Graffiti besprühten Rollläden schon seit Monaten heruntergelassen. Die Läden hatten sich nicht lange gehalten angesichts der Armut und der Kriminalität.
Übrig geblieben waren ein von einem Pakistani geführter Basar, einige Läden, die billige Kleidung verkauften, ein Schuster und eine zur Straße hin offene Bar mit ihren abgenutzten Plastiktischen und Sonnenschirmen, die - für einen fröhlicheren Eindruck - das ganze Jahr über aufgespannt blieben.
Am Ende der Passage gab es einen kleinen Supermarkt. Dorthin wurden wir an jenem Tag gerufen, um einen Dieb abzuholen, der in flagranti von Kaufhausdetektiven erwischt wurde. Als wir vorübergingen, sahen wir herumhängende Halbwüchsige, mit dem Rücken an die Hauswände aufgegebener Läden gelehnt, die uns mit bösen Blicken nachschauten und Worte murmelten, die wir lieber überhörten. Den Grund unseres Kommens und unserer eiligen Schritte in der schmutzigen Allee ihres improvisierten Treffpunkts konnten sie sich wahrscheinlich vorstellen.
Wir sind an den Supermarktkassen vorbeigegangen, als ein kräftiger Typ mit dem gut sichtbaren Abzeichen einer Sicherheitsfirma uns aufforderte, ihm bis zum Büro des Direktors zu folgen, wo der Dieb hingeführt worden war. Wir stiegen eine Treppe hoch und traten in einen Raum, dessen einziges mit einer Jalousie verdecktes Fenster auf die Gänge und die Kassen des Marktes zeigte.
Auf einem Stuhl, gegenüber dem Schreibtisch und dem Bildschirm der Überwachungskamera, saß ein ganz kleiner Junge und weinte. Er war sechs Jahre alt.
"Wo ist der Dieb? haben wir gefragt.
— Hier ist er, antworteten mit vereinter Stimme der Marktleiter und der Wachmann, indem sie auf den Jungen zeigten.
— Was hat er gestohlen?
— Eine Dose Tunfisch.
— Eine Tunfischdose?
— Ja, ein Dose Tunfisch, die er in seinem Ärmel steckte. Wir haben alles gesehen und ihn am Ausgang geschnappt.
— War er ganz allein?
— Ganz allein. Keine Komplizen. Kleiner Dreckskerl."
Wir schauten alle die Tunfischdose auf dem Schreibtisch an. Eine Dose ohne Markennamen, die einzeln verkauft wird. Eines dieser No-name-Produkte, die ganz unten in die Regale eingeräumt werden, weil sie die billigsten sind und weil ihre unattraktive Verpackung nicht unbedingt zum Kauf einlädt.
Der kleine Junge heulte und schluchzte weiter. Jede Menge Tränen und Nasenschleim liefen ihm übers Gesicht.
"Herr Direktor, wir werden den Pimpf mitnehmen. Sie verzichten auf Strafanzeige, sind wir uns einig?
— Aber ganz und gar nicht! Ich habe die Schnauze voll von all diesen Rotznasen, diesen Negern und Kameltreibern, die mir auf den Wecker gehen und mich jeden Tag beklauen! Ich werde Anzeige erstatten.
— Es geht doch nur um eine Tunfischdose, haben Sie niemanden anderen als Dieb anzuzeigen, bei dem sich wenigsten der Aufwand lohnt? Meinen Sie, wir werden uns verrückt machen und ein Verfahren einleiten wegen einer Dose Tunfisch, die ein Knirps geklaut hat, der noch ins Bett pinkelt?
— Aber das ist mir doch scheißegal! Schließlich ist es Ihr Job!"
Wir haben uns mit dem Kind auf den Rückweg gemacht. Ich nahm ihn bei der Hand, aber er hat sich wie ein Gefangener gefühlt. Wir haben so die ganze Geschäftspassage in der umgekehrten Richtung bis zum Ausgang durchquert. Der Bengel weinte und versuchte sich loszureißen. Aber wir mussten ihn ja mitnehmen, um ihn dann seinen Eltern zu übergeben.
Die Jugendlichen haben uns wieder angeschaut, aber dieses Mal sagten sie nichts mehr. Allerdings fühlten wir ihren stechenden Blick im Rücken. Ich selbst habe ins Leere geschaut. Ich hatte bloß einen sechsjährigen Dieb an meiner Seite, einen Tunfischdosendieb, der durch keinerlei Worte zu beruhigen war und der, mit weit geöffnetem Mund und einem fehlenden Milchzahn "Mama!" schrie.
Im Wagen, auf dem Weg zum Revier, beruhigte er sich ein wenig. Wir haben getan, was wir konnten, haben versucht ihn zum Lachen zu bringen. Und dann hat er uns gesagt, dass er Hunger hatte.
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